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Artikel vom: 19.04.2011
17 - Limas Gefängnis

Es ist Donnerstagnachmittag kurz vor 14 Uhr. Gemeinsam mit 2 anderen Missionarinnen stehe ich im Café gegenüber vom Frauengefängnis Santa Monica in Lima. Wir treffen die letzten Vorbereitungen für unseren Besuch – Schlüssel, Handy und Sonnenbrille müssen wir bei unserem Fahrer lassen, unsere Pässe und etwas Kleingeld haben wir in der Tasche.

Wir überqueren die Straße und klopfen an die schwere Eisentür. Eine Beamtin lässt uns ein. Am Empfang gibt es die ersten Schwierigkeiten. Das Einladungsschreiben für mich ist nicht zu finden, das bedeutet, dass ich wieder hinaus muss. Mary (meine Kollegin) sagt mir noch, ich soll in der Nähe bleiben, sie werden alles versuchen, um mich nach zu holen. Ich warte draußen neben der Eisentür. Etwa 10 Minuten später geht die Sichtklappe auf und die Beamtin ruft mich wieder hinein. Das Schreiben ist wohl doch aufgetaucht. Ich gebe meinen Pass ab, bekomme meine Stempel und eine Nummer auf den Arm und kann zur Kontrolle weitergehen. Die Stempel sind meine Ein- und Austrittskarte. Wenn ich sie nicht mehr am Arm trage beim Hinausgehen, gibt es große Probleme…



Meine Kollegen sind immer noch bei der Kontrolle, wo alle Sachen untersucht werden, die wir mitgebracht haben. Beide sind ganz überrascht, dass es bei mir so schnell ging. Vor uns liegt noch die Ganzkörperkontrolle, dann können wir mit allen Sachen in den Gefängnishof, wo schon etwa 30 Frauen auf uns warten.

Jeden Donnerstagnachmittag findet hier im Gefängnis eine Bibelstunde in Englisch für alle ausländischen Frauen statt. Es kommen nicht nur Christen dazu, sondern auch viele Frauen, die über die Missionarinnen Email-Kontakt mit ihren Familien halten wollen.

An diesem Nachmittag treffe ich Michaela (Name geändert), eine deutsche Frau Ende Dreißig. Sie wurde mit Drogen erwischt, wie fast alle Ausländerinnen, die sich im Gefängnis befinden. 6 Monate hat sie schon hinter sich, 18 Monate liegen noch vor ihr. Michaela ist kein Christ, trotzdem hat sie eine zeitlang die Bibelstunde besucht. Nun kommt sie nicht mehr, weil sie Englisch nicht gut versteht. Wir unterhalten uns eine ganze Weile über alles Mögliche. Am Ende frage ich sie, ob ich für sie beten darf. Mit Tränen in den Augen sagt sie „Sehr gerne!“ Ich bete ein sehr einfaches Gebet für Michaela und ihre Situation im Gefängnis. Nach dem Amen sitzt Michaela weinend neben mir. Dieses einfache Gebet in ihrer Muttersprache hat sie zu Tränen gerührt! Zum Abschied liegen wir uns in den Armen.

Dieser Besuch mit Mary im Gefängnis hat mich sehr berührt und meinen Wunsch bestärkt, in Abancay eine Gefängnisarbeit zu beginnen.

10 Tage später, während ich meinen Urlaub im Norden Perus in vollen Zügen genieße und mit keinem Gedanken bei meiner Arbeit bin, spricht Gott ganz deutlich zu mir. Die Verse aus Matthäus 25 kommen wir in den Sinn, während ich einen Film schaue: „Wo warst du, als ich hungrig war? Wo warst du, als ich einsam war? Wo warst du, als ich im Gefängnis war? … Was ihr einem meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Sofort gehen meine Gedanken zu Michaela im Gefängnis in Lima. Ich merke, dass Gott mir den Auftrag gibt, sie noch einmal zu besuchen. Ich? Oh, nein! Ich will nicht allein ins Gefängnis gehen. Die Beamtinnen sind nicht so geduldig wie die Marktfrauen, die gerne alles wiederholen und langsam sprechen, wenn ich nichts verstehe. Ich ringe mit mir, mit Gott … doch am Ende bin ich Gott gehorsam.

Zusammen mit Mary organisiere ich meinen Besuch. Einen Besucherpass kann ich so schnell nicht bekommen. Die einzige Möglichkeit ist, dass ich am Besuchssonntag hinein gehe. Mary kündigt mich bei Michaela an, die vor Freude in Tränen ausbricht.

Ich besorge einige Dinge für Michaela (Shampoo, Salami, Brezel vom deutschen Bäcker, Kinderschokolade…) und lese mir noch einmal alle Richtlinien für den Besuch durch: Rock, Schultern bedeckt, kein Schwarz, keine Kapputzen, Socken ja/Nylonstümpfe nein… Der Besuch soll an nichts scheitern, was ich verhindern kann.

Am Sonntag warte ich 1,5 Stunden vor dem Gefängnis in der Schlange mit den anderen Besucherinnen. Von den Polizisten bekommen wir den rechten Arm bestempelt. Gruppenweise werden wir eingelassen. Am Empfang müssen wir den Pass abgeben und auch der linke Arm wird bestempelt. Bei der Kontrolle muss ich alle Dinge öffnen, die ich mitgebracht habe. Mir wird gesagt, dass nur 1 Flasche Shampoo erlaubt ist, außerdem sei kein Tag für Erdnüsse und Trauben – ich lege das Studentenfutter mit zu den anderen „unerlaubten“ Dingen. Am Ende legt die Beamtin mir die 2. Shampooflasche wieder mit in den Beutel. Was für ein Wunder!



Die Körperkontrolle ist zwar unangenehm aber nicht schlimm. Im Gefängnishof angekommen, herrscht dort ein großes Gewimmel von Besuchern und Gefangenen. Eine junge Peruanerin verdient sich ein paar Soles dazu, indem sie die Frauen für die Besucher holt. Ich sage ihr Michaelas Namen und schon kurze Zeit später werde ich stürmisch von Michaela begrüßt „Du bist wirklich gekommen!“

Wir suchen uns eine Bank und es ist wie Weihnachten für sie, die Tüte mit den Sachen auszupacken, die ich ihr mitgebracht habe. Bei der Kinderschokolade kommen ihr wieder die Tränen. Wir verbringen einen schönen Nachmittag miteinander – wir reden über Gott, über ihren Alltag im Gefängnis und unsere Familien. Sie ist sehr offen und ehrlich und stellt viele Fragen über Gott. Ich habe ihr eine Karte mit den Versen aus Römer 8,38+39 mitgebracht – „nichts und niemand kann uns von der Liebe Gottes trennen“.

Sie besitzt eine Bibel in einer alten Übersetzung, wo sie sehr wenig versteht. Auf meine Frage, ob sie gern eine Bibel in einer einfachen Übersetzung haben möchte, geht ein Strahlen über ihr Gesicht „Ja, sehr gern hätte ich so eine Bibel!“ Es wird zwar etwas dauern, aber das ist ihr egal. In der Zwischenzeit lasse ich ihr mein Andachtsbuch da. So hat sie für jeden Tag einen kurzen Bibeltext und eine Erklärung dazu. Die Zeit vergeht viel zu schnell und gegen halb 5 ertönt die Pfeife, dass die Besucher zum Tor kommen müssen. Wir verabschieden uns lange. Ich verspreche ihr, dass wir in Kontakt bleiben über den Email-Service meiner Kollegin Mary. Michaela will nun wieder regelmäßig zur Bibelstunde gehen – mehr wegen den Emails. Doch Gott kann auch da an ihr wirken!

Die Begegnung mit Michaela hat mich tief bewegt. Als ich im Taxi auf dem Weg nach Hause bin, kommen mir beinahe die Tränen. Ich bitte Gott um Vergebung, dass ich mich erst so gesträubt habe, noch einmal ins Gefängnis zu gehen. Es war so wichtig für Michaela, dass ich gekommen bin und Gott konnte durch mich zu ihr reden! Und ich bin froh, dass ich ihm gehorsam war.

Bitte betet mit mir für Michaela – dass Gott sie weiter anspricht und ihr zeigt, dass sie ein neues Leben braucht, dass nur er ihr geben kann. Betet mit für die Lebensumstände im Gefängnis (400 Betten und 1200 Insassinnen). Die deutsche Bibel ist schon auf dem Weg zu Michaela. Bitte betet auch für mich, um Weisheit für allen Email-Kontakt mit ihr.



Quelle: Annekathrin Dörffel
Kommentare
Marco Schaa | 5.08.2011 17:38
Hallo Annekathrin, wow, als ich Deinen Artikel las über das Frauengefängnis, fühlte ich mich zurückversetzt in das Jahr 2007, wo ich deutsche Frauen im Gefängnis von Quito, Ecuador besuchte. Auch sie waren wegen Drogenbesitzes zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Ich habe genau die gleichen Erfahrungen gemacht (hab auch noch Fotos von den Stempeln auf dem Unterarm ;-)) und auch mich hat dieses Erlebnis bis heute bewegt und geprägt. Was kann man für die Frauen in diesen furchtbaren Gefängnissen tun? Vielleicht via Radio ihnen von ihren Familien Grüße zukommen lassen? Ich weiß aus Erfahrung, wie beklemmend es in so einem Gefängnis ist und ich bewundere Deinen Mut, dort freiwillig hinzugehen! Toll, dass Du das fortsetzen willst! Wünsche Dir weiterhin Gottes Segen für Deine Arbeit in Peru! Herzliche Grüße, Marco
ilona Gorsboth | 4.07.2011 21:35
Geben Sie ihren Kommentar ein. Hallo Annekathrin, meine Tochter ist in lima im Santa monica Gefängnis---ihr bericht hat mich an sie errinert...vieleicht war sie es ja mit der sie gesprochen haben.es ist schön von jemanden zu hören der im gefängnis besuche machen kann.....liebe grüsse i.g.
Mary Pinkston | 19.04.2011 15:45
I am so glad that you were able to go with me. Yoru visit had a significant impact on me as well. It is an incredibly ministry that God has opened. I will be praying for you as the Lord leads you to do the same. God bless you
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