Die Gegenwart ist zum Verzweifeln!

301Jetzt aber muss ich mich verspotten lassen

von solchen, die viel jünger sind als ich.

Schon ihre Väter haben nichts getaugt!

Ich konnte sie nicht zu den Herden schicken,

damit sie meinen Hunden helfen sollten.

2Für welche Arbeit sind schon Leute gut,

die keine Kraft mehr in den Armen haben,

3weil Hunger und Entbehrung sie erschöpften?

Sie nagen trockene Wurzeln in der Wüste,

dem Land der Dunkelheit und Einsamkeit.

4Sie pflücken sich das Salzkraut unter Sträuchern

und essen Wurzeln von den Ginsterbüschen.

5Von allen andern werden sie vertrieben,

so wie man Diebe mit Geschrei verjagt.

6Sie hausen in den Wänden tiefer Schluchten,

in Höhlen und in Spalten des Gesteins.

7Sie schreien wie Tiere im Gebüsch der Wüste,

sie drängen sich im stachligen Gestrüpp.

8Ein Pöbelvolk, Gesindel ohne Namen,

das man mit Peitschen aus dem Lande trieb.

9Jetzt singen sie ihr Spottlied über mich,

ich bin der Redestoff für ihren Klatsch.

10Sie ekeln sich und rücken von mir ab,

sie haben keine Scheu, mich anzuspucken.

11Ganz schwach und wehrlos hat mich Gott gemacht,

drum lassen sie auch jede Hemmung fahren.

12Nun kommt die Schlangenbrut und greift mich an;

sie zwingen mich, die Stellung aufzugeben;

sie schütten Dämme auf zum letzten Sturm.

13Sie haben mir den Fluchtweg abgeschnitten;

zu meinem Sturz trägt jeder fleißig bei,

sie brauchen dazu keine fremde Hilfe.

14Sie dringen durch die Breschen meiner Mauer

und drängen durch die Trümmer auf mich zu.

15Der Schrecken greift nach mir mit kalter Hand;

ein Windstoß wirbelt meine Würde fort,

mein Wohlstand löst sich auf wie eine Wolke.

16Ich spüre, wie mein Leben aus mir fließt.

Seit Tagen schon umklammert mich die Qual.

17Nachts bohrt der Schmerz in allen meinen Knochen,

als sollten sie aus meinem Körper fallen;

die Nerven können keine Ruhe finden.

18Mit aller Kraft hat Gott mein Kleid gepackt,

er schnürt mich ein wie ein zu enger Kragen.

19Er hat mich in den Lehm zurückgestoßen,

im Staub und in der Asche muss ich trauern.

20Ich schrei um Hilfe, Gott! Wann gibst du Antwort?

Ich steh vor dir – dein Blick bleibt starr und kalt.

21Du bist so grausam gegen mich geworden

und lässt mich spüren, wie viel Macht du hast.

22Du setzt mich auf den Wind wie auf ein Pferd;

er reißt mich mit Getöse ins Verderben.

23Ich weiß, du bringst mich fort zur Totenwelt,

wo alle Lebenden sich wiederfinden.

24Dem Trümmerhaufen kann man nicht mehr helfen.

Ob Gottes Hand mir hilft, bevor ich falle?

25Hab ich nicht oft geweint mit Schwergeplagten?

Zog ihre Not mir nicht das Herz zusammen?

26Ich hoffte, wartete auf Licht und Glück,

doch nichts als Dunkelheit und Unglück kam!

27Ich bin erregt und finde keine Ruhe,

denn Tag für Tag umgibt mich nichts als Qual.

28Ich bin voll Trauer, mir scheint keine Sonne;

ich klage öffentlich und fordere Hilfe.

29Mein Schreien klingt, wie wenn Schakale heulen,

ich weine einsam wie der Vogel Strauß.

30Geschwärzt ist meine Haut, sie löst sich ab,

die Glut des Fiebers brennt in meinen Knochen.

31Mein Lautenspiel ist Jammerlaut geworden,

mein Flötenspiel in Klagelied verwandelt.