Gestern Barmen 1934 und heute Russland 2025

Gedenktag der Barmer Theologischen Erklärung am 31. Mai und eine anonyme Erklärung

Diese anonyme Erklärung russisch-orthodoxer Priester zeigt: Die Not der Geschwister in der Russisch-Orthodoxen Kirche ist groß. Bei uns ist sie kaum bekannt.

Es gibt einen Text, den hier in Deutschland fast niemand kennt. Er ist seit über einem Jahr in der Welt. Geschrieben von rund 30 russisch-orthodoxen Priestern und Laien. Anonym, weil jeder einzelne Name das Leben der Verfasser und ihrer Familien gefährden würde.

Der Titel: „Christus und dem Evangelium treu bleiben.“ Veröffentlicht am 7. Januar 2025 – dem orthodoxen Weihnachten. Verbreitet über einen Telegram-Kanal in Russland, bekannt geworden außerhalb des Landes durch die oppositionelle Novaya Gazeta.

Wer den Text liest, hört einen Ton, den wir hier in Deutschland aus unserer eigenen Geschichte kennen. Aus dem Jahr 1934. Aus Wuppertal-Barmen.

Auf den Tag genau vor 92 Jahren 

Am 31. Mai 1934 verabschiedete eine Bekenntnissynode in der Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen einstimmig sechs Thesen. 138 Synodale aus 18 Landeskirchen waren angereist – Lutheraner, Reformierte, Unierte. Konfessionen, die seit der Reformation getrennt waren, saßen wegen des Drucks der NS-Diktatur an einem Tisch. 

Karl Barth schrieb den Hauptentwurf in einer Nacht, mit starkem Kaffee und einer Zigarre, wie er später erzählte. Der berühmteste Satz steht in These 1: 

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ 

Damit war alles gesagt, was zu sagen war. Kein Führer, kein Volk, keine geschichtliche Bewegung darf neben Christus treten. Die fünfte These richtet sich direkt an die Staatsmacht und verwirft die falsche Lehre, der Staat solle „die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden.“ Und unter alles setzten die Synodalen einen Schluss-Vers aus Jesaja 40,8: „Verbum dei manet in aeternum“ – „Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.“ 

Eine Erklärung, die wir gerade jetzt brauchen würden 

Genau 92 Jahre später, zu Beginn des Jahres 2025, schreiben unter den gefährlichsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann, russisch-orthodoxe Christen einen Text, der in seiner Wucht und in seinem Ton an Barmen erinnert. Die Erklärung trägt selbst die Form eines Glaubensbekenntnisses. Acht Artikel. Eingeleitet mit dem Satz: 

„Wir, Kleriker und Laien, Kinder der Russischen Orthodoxen Kirche … glauben und bekennen, dass wir alle, unabhängig von den irdischen Umständen und den Forderungen irdischer Machthabender, aufgerufen sind, vor der Welt Zeugnis für die Lehre Jesu Christi abzulegen, und immer abzulehnen, was mit dem Evangelium unvereinbar ist.“ 

Und Punkt für Punkt geht das Bekenntnis durch das, was die russisch-orthodoxe Kirchenleitung in den letzten Jahren öffentlich getan und gesagt hat. Es geht ohne Polemik. Aber unmissverständlich. 

Über den Missbrauch des Gottesnamens 

In Artikel 1 schreiben die Verfasser: 

„Frappierend ist die Leichtfertigkeit, mit der nicht nur Politiker und Journalisten, sondern auch Kirchendiener den Namen Gottes in ihrer Rhetorik verwenden und dem Schöpfer des Universums unerschrocken zuschreiben und vorschreiben, auf welcher Seite Er in irdischen Konflikten zu stehen … hat.“ 

Was sie meinen, ist klar. Wenn Patriarch Kyrill und Russland-treue Geistliche „Gott segnet den Krieg“ sagen, dann ist das, mit den Worten der Verfasser, ein „Verstoß gegen das Gebot: ‚Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.‘“ 

Über die Kirche als Klammer der Macht 

In Artikel 2 heißt es: 

„Unvereinbar mit der Treue zu Christus ist ein Zustand, in dem die Kirche zu einer ideologischen Abteilung des Staatsapparates wird, die als ‚Klammer‘ die politischen Bedürfnisse eines bestimmten Regimes bedient.“ 

„Klammer“ ist im Russischen ein Begriff aus dem Sprachgebrauch der politischen Nomenklatura. Die Verfasser nehmen also gezielt das Vokabular der Mächtigen auf und drehen es um. 

Über den nationalen Messianismus 

Artikel 4 ist der schärfste – und der wichtigste für das Verständnis der heutigen russischen Kirchenpolitik: 

„Wir können nicht akzeptieren, dass christliche Werte und Sinngehalte einer geopolitischen Agenda untergeschoben werden, einer Ideologie, die den Glauben an Christus durch den Glauben an die ‚russische Welt‘, an die besondere Bestimmung des russischen Volkes und des russischen Staates, ersetzt.“ 

„Russkij mir“ – die „russische Welt“ – ist ein zentraler Begriff der ideologischen Begründung des Krieges gegen die Ukraine. Hier widersprechen die Verfasser direkt der Argumentation Patriarch Kyrills. 

Über den „heiligen Krieg“ 

In Artikel 6 nehmen die Verfasser einen Satz aus dem Johannes-Evangelium auf, der häufig missbraucht wird: 

„‚Niemand hat eine größere Liebe als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde‘ (Joh 15,13). Er gab sein Leben nicht im Krieg, indem er andere tötete, sondern am Kreuz, indem er für unsere Sünden starb. Diese Worte beziehen sich nicht auf diejenigen, die töten, sondern auf diejenigen, die getötet werden.“ 

Und dann der Kernsatz: 

„Einen Krieg als ‚heilig‘ zu erklären, ist mit der Lehre Christi unvereinbar, selbst wenn es sich um einen Verteidigungskrieg handelt. Erst recht, wenn es sich um einen Angriffskrieg handelt.“ 

Was den Verfassern droht – konkret 

Die Verfasser haben gute Gründe, anonym zu bleiben. Mehrere russisch-orthodoxe Priester sind in den letzten zwei Jahren öffentlich suspendiert oder ihres Amtes enthoben worden. 

Priester Ioann Kowal wurde Anfang 2024 suspendiert, nachdem er das Wort „Sieg“ in der Liturgie durch das Wort „Frieden“ ersetzt hatte. Erzpriester Alexej Uminskij verlor im Januar 2024 seine Priesterwürde durch ein Kirchengericht der ROK – wegen Friedensgebeten. Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel rehabilitierte ihn später. 

Priester Dmitri Safronow wurde im März 2024 von Patriarch Kyrill mit dreijähriger Suspendierung belegt – nach einer Gedenkfeier am Grab Alexej Nawalnys. 

Wer die Erklärung öffentlich unterstützt, setzt sich nicht nur kirchlichen, sondern auch staatlichen Repressalien aus. Das macht den Text gefährlich – und seine bloße Existenz mutig. 

Ist das eine „russische Barmer Erklärung“? 

Der Jesuit Klaus Mertes hat genau diese Frage in den „Stimmen der Zeit“ gestellt und positiv beantwortet: eine „russische Barmer Erklärung“. Auch der Übersetzer Dr. Johannes Oeldemann vom Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn sieht starke Parallelen: in der Intention, im Bekenntnischarakter, im Anspruch. 

Die russisch-orthodoxen Priester geben selbst einen Hinweis. Ihre Erklärung schließt mit demselben Bibelvers wie Barmen 1934 – mit Jesaja 40,8: „Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.“ Das ist kein Zufall. 

Unterschiede gibt es trotzdem. Barmen wurde von 138 Synodalen mit Namen und Adresse verabschiedet, in einer Synode mit klarem Auftrag. Die russische Erklärung wurde von rund 30 Menschen anonym verfasst und über Telegram verbreitet. Sie hat keine institutionelle Trägerschaft, keine bekannten Namen, kein Synodalprotokoll. 

Aber sie hat die gleiche Wucht. Und sie steht in einer Lage, die der von 1934 ähnlicher ist, als uns lieb sein kann. 

Warum gerade jetzt diese Sendung 

Wenn etwas unterdrückt wird, hilft Transparenz. Die einfachste und wirksamste Form der Solidarität mit den verfolgten Geschwistern in Russland besteht darin, dass ihr Aufruf gelesen und weitergegeben wird. 

Bei Bibel TV haben wir uns deshalb entschieden, die Erklärung in einer eigenen Sendung bekannt zu machen. Wir haben mit Dr. Johannes Oeldemann gesprochen, dem deutschen Übersetzer des Textes. Er kennt Patriarch Kyrill persönlich – und er ordnet ein, was in der russischen Kirche derzeit geschieht. 

Die Sendung steht ab sofort kostenlos in der Bibel-TV-Mediathek bereit. 

Was Sie tun können 

Erstens: Die Erklärung kennen. Im Anhang dieses Artikels finden Sie zentrale Auszüge im deutschen Wortlaut, übersetzt von Dr. Oeldemann. 

Zweitens: Die Erklärung weitergeben – an Freunde, Kollegen, Gemeinde, Hauskreis. Auch über die Sprachgrenze hinweg, wenn Sie Kontakte nach Russland haben. Dr. Oeldemann nennt das „Bekenntnisakt“: Wer den Text teilt, beteiligt sich selbst am Bekenntnis. 

Drittens: Beten. Für die suspendierten Priester. Für ihre Familien. Für die Verfasser des Aufrufs. Für die Menschen in Russland und in der Ukraine. Für die Kirchenleitung in Moskau, damit sie zur Wahrheit findet. 

Und viertens: Erinnern, was Christen in unserer eigenen Geschichte vermocht haben. Die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche haben am Ende der DDR keine Diktatur direkt gestürzt – aber sie haben einen Raum geöffnet, in dem das Ende möglich wurde. 

Was Diktaturen am wenigsten aushalten, sind Menschen, die einer höheren Macht dienen. Das war so bei Jesus selbst. Das war so 1934 in Barmen. Das ist heute so in Moskau und Petersburg.

Lesen Sie den Aufruf von Geistlichen und Laien der Russischen Orthodoxen Kirche, die zwar in Russland bleiben, aber den Krieg ablehnen (externer Link):

„Christus und dem Evangelium treu bleiben.“