Das Vaterunser - das Gebet, das Jesus uns lehrte

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.

Amen.

Das Vaterunser – in der reformierten Kirche auch „Unser Vater“ genannt – ist das bekannteste christliche Gebet. Und das mit gutem Grund: Jesus selbst hat es im Wesentlichen so seinen Nachfolgern gelehrt. Es ist so etwas wie ein Grundrezept für das Gebet in Form und Inhalt.

(Hinweis: die Links der Bibelstellen führen in die Bibelthek, in der Sie jeweils passende Videos aus dem Programm von Bibel TV sehen können.)

Wie sollen wir das Vaterunser beten?

Das Lukasevangelium berichtet, wie es dazu kam (Lk. 11,1): Die Jünger von Jesus – also seine Schüler, die ihn begleiteten – wollten von ihm wissen, wie sie beten sollten. Daraufhin lehrt Jesus sie eine Kurzform des Vaterunsers. Jesus betont, dass es nicht darauf ankommt, viele Worte zu machen, denn: „Euer Vater im Himmel weiß, was ihr benötigt, bevor ihr ihn bittet.“ (Mt. 6,8)

Es geht beim Vaterunser also um eine bestimmte Haltung: Wer Jesus folgt, kann sich vertrauensvoll an den Schöpfer des Universums wenden – wie zu einem guten Vater. Es geht darum, mit Gott ins Gespräch zu kommen, sich mit seinem Willen in Einklang zu bringen und die eigenen Sorgen und Nöte Gott zu überlassen.

Gebet ganz persönlich

Jesus wandte sich damit auch gegen die Vorstellung, dass es beim Beten in erster Linie um eine öffentliche Handlung geht. Offenbar haben zur Zeit Jesu einige religiöse Juden das Gebet so praktiziert, dass sie dabei nach außen hin möglichst fromm wirken. Solche wortreichen „Schau-Gebete“ stehen aber immer in der Gefahr, mehr Schein als Sein zu sein. Jesus macht mit dem Vaterunser klar: es geht beim Beten in erster Linie um die persönliche Beziehung des Beters zu Gott.

Das zeigt schon die Anrede. Gott „Vater“ zu nennen war ungewöhnlich – denn sowohl im Alten Testament als auch außerhalb der Bibel waren für Gott andere Anreden und Bezeichnungen gebräuchlicher: Herr, Richter, Herrscher, Schöpfer. Begriffe, die Distanz ausdrücken und die Macht und Andersartigkeit Gottes betonen.

Ein Name, der Zärtlichkeit ausdrückt

Anders die Anrede „Vater“: Sie drückt Nähe, Vertrautheit und sogar Zärtlichkeit aus. „Der Name Vater ist von Natur eingeboren“, wie Luther schrieb, „und natürlich süß, derhalben er auch Gott am allerbesten gefällt.“ Beter des Vater Unser bekennen sich damit als Kinder Gottes, die Gott als ihren Vater kennen und lieben. Zugleich ist klar: dieser Vater ist „himmlisch“ und damit anders, mächtiger und weiser als jeder irdische Vater.

Von der Anrede an und durch das Gebet hindurch ist das Vaterunser in der „Wir“-Form gehalten. Auch wer es alleine betet, tut es immer in der Gemeinschaft aller Christen, die Gott ihren Vater nennen. Das Vaterunser führt in die Gemeinschaft mit Gott und mit allen Mitbetern weltweit und zu allen Zeiten.

Das Vaterunser in der Übersicht

Der Aufbau des Vaterunsers erinnert an die zehn Gebote: Zunächst geht es um das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, dann um die zwischenmenschlichen Beziehungen. Die ersten drei Vaterunser-Bitten sind auf die Verherrlichung Gottes gerichtet. Nachgeordnet sind die persönlichen Belange und Bedürfnisse des Beters.

Das Lebensnotwendige zuerst

Bei den persönlichen Beten steht die Bitte um „das tägliche Brot“, also alles Lebensnotwendige, ganz oben. Darin steckt die Logik, dass die Erfüllung grundlegender körperlicher Bedürfnisse die Voraussetzung für das geistliche Leben und die seelische Erfüllung ist.

Die erste Bitte: dein Name werde geheiligt.

Gott hat seinen Namen Mose am brennenden Dornbusch offenbart (Ex 2): „Jahwhe“, was übersetzt werden kann mit „Ich bin, der ich bin“ oder auch „Ich werde sein, der sich sein werde“. Das heißt: Gott bleibt derselbe, er bleibt sich treu. Auf ihn ist Verlass, er ist da für sein Volk. Er ändert sein Wesen nicht, er ist liebevoll, gerecht und treu.

Bei der ersten Bitte geht es darum, dass die Beter – und alle anderen Menschen – die Bedeutung dieses Namens erkennen und ihn ehren sollen. Es ist der Wunsch, dass Worte, Taten und Leben dem entsprechen, was der Name Gottes ausdrückt. Dazu gehört auch, von Gott nicht leichtfertig oder abfällig zu reden. Wichtig ist aber genauso, das ganze Leben nach diesem heiligen Namen, dem Wesen Gottes, auszurichten.

Die zweite Bitte: dein Reich komme.

Die ersten Generationen von Christen dachten hier wohl besonders an die unmittelbare Vollendung des Reiches Gottes, an das zweite Kommen von Jesus Christus, der mit Macht und Herrlichkeit die ganze Welt verwandelt. Diese Hoffnung der Vollendung am Ende der Zeiten drückt sich auch weiterhin in der zweiten Bitte aus.

Zugleich ist damit das Reich Gottes gemeint, das Jesus in die Welt gebracht hat und das durch sein Wirken immer weiter wächst – so unscheinbar und klein es manchmal wirkt. Das Reich Gottes kommt, wenn Menschen Jesus als ihren Herrn und Erlöser annehmen und ihm folgen. Und es wächst, wenn Christen dem Wirken Gottes in ihrem Leben immer mehr Raum geben.

Es ist damit zugleich eine Bitte jeden Beters für sich selbst – und für die ganze Welt.

Die dritte Bitte: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf Erden.

Diese Bitte fehlt in der Kurzform des Lukasevangeliums. Ein möglicher Grund ist, dass sie etwas ähnliches ausdrückt wie die zweite Bitte. Der Blick wird noch einmal auf den Himmel gerichtet: Dort folgt jetzt schon alles dem Willen Gottes. Die Engel führen die Befehle Gottes aus und die verstorbenen und zum ewigen Leben erwachten Gläubigen loben Gott und folgen gehorsam seinem Willen.

So wird der Himmel zum Vorbild und Muster für das Geschehen auf der Erde. Was in der ewigen Gegenwart Gottes jetzt schon Wirklichkeit ist, soll das Leben im Diesseits immer mehr prägen.

Die vierte Bitte: Unser tägliches Brot gib uns heute.

Das Brot ist hier Symbol für das, was wir zum Leben brauchen. Wir sollen Gott um alles Lebensnotwendige bitten – und auch darauf vertrauen, dass er uns versorgt. Das erinnert an das Manna, eine himmlische Speise, mit der Gott die Israeliten in der Wüste versorgte (Ex. 16). Er gab ihnen gerade so viel, wie sie gerade brauchten. Wenn sie Vorräte anlegten, verdarben diese.

Diese Grundhaltung zieht sich durch die Bergpredigt (Mt. 5-7). Jesus verbietet es seinen Nachfolgern regelrecht, sich zu sorgen (Mt 6,25-34). Stattdessen sollen sie Gott vertrauen, dass er das Notwendige zur rechten Zeit bereitstellt. So handelt auch Jesus selbst, wenn er hungrige Menschen mit Essen versorgt (Mt 15,32). Die vierte Bitte bringt auf den Punkt, dass Gott sich nicht nur um unser seelisches Wohlergehen, sondern auch um unsere konkreten, körperlichen Lebensgrundlagen kümmert.

Die fünfte Bitte: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Nach den körperlichen Bedürfnissen geht es jetzt um das seelische Wohlergehen. Auch jemand, der Jesus und seinen Lebensregeln folgt, wird daran unweigerlich immer wieder scheitern und dadurch schuldig werden. Das gefährdet den Seelenfrieden und die Beziehungen zu anderen Menschen und zu Gott.

Deshalb steht die Bitte um Vergebung an zentraler Stelle im Vaterunser. Diese Bitte hängt untrennbar mit der Bereitschaft zusammen, selbst anderen zu vergeben. Das ist psychologisch und geistlich bedeutsam: Wer selbst Vergebung von Schuld erfährt, ist auch frei, andere barmherzig zu behandeln. So heilen Beziehungen zwischen Menschen und zu Gott.

Die sechste Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung ...

In der fünften Bitte ging es um das, was schon geschehen ist und die Konsequenzen davon. Jetzt geht der Blick in die Zukunft. Genau genommen lautet die Bitte: Führe uns in der Versuchung. Das heißt, Gott soll den Beter in all dem bewahren, was unvermeidlich auf ihn zukommt.

„Versuchung“ kann dabei alles bedeuten, was einen Menschen von Gott wegzieht und die Bereitschaft mindert, nach seinem Ideal zu leben. Wer einer Versuchung widersteht, kann daran persönlich wachsen und sich im Glauben entwickeln (Jak. 1, 2–4). Um aber wirklich der Versuchung zu widerstehen, braucht jeder die Hilfe Gottes.

Die siebte Bitte: ... sondern erlöse uns von dem Bösen.

Von der ersten bis zur letzten Seite rechnet die Bibel mit der Macht des Bösen als Realität, die Gott entgegen steht. Sie liegt im Menschen selbst, der sich seit den ersten Menschen immer wieder gegen Gott wendet. Sie liegt aber auch in der geistlichen Welt und tritt in Satan (dem Teufel) in personalisierter Form zutage (vgl. z.B. 1 Joh. 2, 13 und 3,8).

Von Vertretern eines naturalistischen Weltbilds oft belächelt, ist die Realität des Bösen in dieser Welt doch kaum zu übersehen. Was den Teufel angeht, von dem Jesus ganz selbstverständlich redete, hatte Martin Luther den seelsorgerlichen Rat: Ein Christ solle seine Macht nicht unterschätzen, um gegen sie gewappnet zu sein. Er soll sich aber auf keinen Fall zu viel mit dem Teufel beschäftigen und Angst vor ihm haben – denn Christus ist stärker und hat ihn besiegt.

Der Schluss: Denn dein ist das Reich, und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen.

Diesen Abschluss des Gebets erwähnt das Lukasevangelium nicht und er ist nur in manchen Überlieferungen des Matthäusevangeliums enthalten. Es ist wohl von den ersten Generationen von Christen im Gottesdienst so gesprochen und dann auch schriftlich festgehalten worden.

Die Lobpreisung zum Schluss fügten übrigens die ersten Christen in Anlehnung an 1. Chr 29,11-13 hinzu.

Der Schluss des Gebets ist ein Ausruf der Anbetung. Alle Bitten zuvor münden in den Lobpreis Gottes. Denn Gott selbst ist es ja, von dem der Beter die Erfüllung der Bitten erwartet und der die Macht hat, das zu tun.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Vaterunser kein Rezept oder gar eine „Formel“ ist, die zwingend zum Gebetserfolg führt. Vielmehr gibt Jesus seinen Nachfolgern damit eine Richtschnur für das Beten an die Hand: Sage, was du auf dem Herzen hast und was dir wirklich wichtig ist. Bitte Gott auch um die ganz normalen, lebenswichtigen Dinge. Sei dankbar dafür. Und verzichte darauf, möglichst ausschweifend und öffentlichkeitswirksam zu beten.

Und zugleich ist das Vaterunser ein Gebet, das Christen verschiedenster Konfessionen, Sprachen und Kulturen verbindet. Viele kennen es, und sein besonderer Rhythmus klingt auch in Fremdsprachen vertraut. So verbindet das Vaterunser mit anderen Christen und vor allem mit Gott selbst.

Videos zum Vaterunser in der Bibel TV Mediathek:

Vaterunser

Ein Kurzfilm mit persönlichen Eindrücken zum Vaterunser mit Mia Friesen, Rainer Harter, Abt Maximilian Heim, Jana Highholder, Anna Iten, Lukas Knieß, Tobias und Frauke Teichen.

Vater unser - Brücke zu Gott

Dr. Stefan Jung ist Kirchengeschichtler und Pastor einer süddeutschen Gemeinde. Er sieht das Vaterunser als Gebet für alle Lebenszeiten und hat darüber ein Buch geschrieben.

mit der Creativen Kirche

"Kann man sich nicht ausdenken, kann man nur geschenkt bekommen" - das Vaterunser. Matthias Kleiböhmer und Franziska Wackerbarth betrachten das bekannteste Gebet der Christen.