Was ist Weihnachten eigentlich – und wie wurde aus einer Geburt im Stall das Fest, das wir heute feiern?
Wenn wir Christen an Weihnachten denken, haben wir meistens sofort das Kind in der Krippe vor Augen. Doch in diesem Beitrag geht es ausnahmsweise nicht um die klassische Weihnachtsgeschichte mit Engeln, Hirten und Stern. Stattdessen schauen wir uns an, wie das Weihnachtsfest überhaupt entstanden ist und warum es im Laufe der Geschichte immer wieder diskutiert, verändert und sogar verboten wurde.
Alles beginnt natürlich mit der Geburt von Jesus, dem Sohn Gottes, in Bethlehem. Doch der Weg von dieser einen Nacht bis zu unserem heutigen Weihnachtsfest war lang, überraschend und manchmal ziemlich umkämpft. Wie wurde aus dem Baby in der Krippe das Fest mit Tannenbaum, Gänsebraten und Geschenkerausch, das wir heute kennen? Wir nehmen dich mit auf eine kleine Zeitreise.
Die Geschichte von Weihnachten
Wusstest du, dass der Geburtstag von Jesus den Christen anfangs gar nicht so wichtig war? Was wirklich zählte, war sein „zweiter Geburtstag“, seine Auferstehung vom Tod am Ostermorgen. Das war das Besondere, das Außergewöhnliche. Ostern wurde von Anfang an als DAS zentrale christliche Fest gefeiert, schon in der apostolischen Zeit direkt nach Jesu Rückkehr in den Himmel. Weihnachten dagegen entwickelte sich erst ab dem 4. Jahrhundert langsam zu einem eigenständigen Fest.
Interessant ist: man feierte nicht den Geburtstag an sich, sondern vielmehr Gottes leibhaftiges Kommen in die Welt. Das Fest dieser “Erscheinung” (auf Griechisch: Epiphania), das unter anderem an die Geburt Jesu erinnert, begehen Christen seit dem 4. Jahrhundert, und auch heute noch, am 6. Januar.
Es sind die Römer, die Jesu Geburtstag erstmals am 25. Dezember feiern. Der älteste überlieferte Kalendereintrag dazu stammt aus dem Jahr 354. Bis heute ist nicht ganz klar, ob das Datum durch Rückrechnungen ermittelt wurde oder ob man einfach das römische Sonnenfest für diesen Zweck umwidmete.
Der bekannte Prediger Johannes Chrysostomos legt dann im Jahr 368 in Antiochia den 25. Dezember offiziell als Termin für die Feier der Geburt Jesu fest und spricht öffentlich darüber. Das ist ein entscheidender Schritt dahin, dass sich dieses Datum auch im östlichen Teil der Christenheit durchsetzt.
Das Fest nimmt Form an: Advent und Krippenspiel
Mit der Zeit wird Weihnachten immer bewusster gefeiert. Zwischen dem fünften und siebten Jahrhundert entsteht der Advent als Zeit der Vorbereitung auf den 25. Dezember. In Gallien und Spanien ist diese Phase zunächst stark von Fasten und Buße geprägt. Später wird der Advent auch in Rom übernommen, dort jedoch in einer weniger strengen Form.
So wird der Advent zur Parallele der österlichen Vorbereitungszeit. Das Fasten vor dem Fest dient der Einkehr und Vorbereitung, aber auch der Erhöhung des Festtags gegenüber den vorherigen Wochen des Verzichts.
1223 stellt Franz von Assisi in Greccio erstmals die nächtliche Geburt Jesu im Stall nach – ganz lebendig mit einer Futterkrippe, echtem Ochsen und echtem Esel. Diese Idee schlägt ein. Von dort aus verbreitet sich die Krippe, bald mit Figuren statt mit echten Menschen, als Andachtsform in ganz Europa.
Die Geschenke-Revolution: Vom Nikolaus zum Christkind
Dass Geschenke heute fest zu Weihnachten gehören, geht maßgeblich auf Martin Luther zurück. Zwar wurden auch schon vor der Reformation Geschenke verteilt, doch dies geschah traditionell am 6. Dezember. An diesem Tag gedachte man des heiligen Nikolaus’ von Myra. Myra liegt in der heutigen Türkei. Nikolaus war ein Bischof und galt als Freund der Kinder. Mit den Geschenken zu seinen Ehren begannen wohl Nonnen, die bedürftigen Kindern am Namenstag von Nikolaus Gaben vor die Tür legten.
Luther will jedoch nicht irgendwelche Heiligen, sondern Christus allein in den Mittelpunkt stellen. Darum wirbt er dafür, Geschenke nicht am 6. Dezember, sondern zum Christfest wenige Wochen später zu verteilen. Als neue Figur für die Kinder wählen die Reformatoren das Christkind.
Einige Jahrhunderte lang gibt es seit der Reformation die Geschenke an unterschiedlichen Tagen, je nach Konfession, doch etwa ab dem Jahr 1800 setzt sich die Bescherung zu Weihnachten auch bei den katholischen Christen durch. Dass Jesus wichtiger ist als der Heilige Nikolaus, darin ist man sich schließlich einig. Doch der Nikolaustag überlebt als kleines “Vorab-Geschenk-Event” und Nikolaus selbst unternimmt eine spannende Reise.
Sinterklaas auf großer Fahrt – aus den Niederlanden nach Amerika
In Utrecht in den Niederlanden gibt es schon vor der Reformation zum Nikolaustag Geschenke in die Schuhe. Über die Reformation hinweg bleibt Nikolaus der Patron der Seefahrer und Händler.
Einem alten Bilderbuch zufolge kam Nikolaus per Schiff aus dem katholischen Spanien nach Holland. Vielleicht erklären sich so die exotischen Orangen, die er oft im Sack hat. Aus Sint Nicolaas wird irgendwann Sinterklaas.
Unter seinem neuen niederländischen Decknamen fährt Sinterklaas in die ebenfalls eher protestantische Welt nach Nordamerika, wo er als Santa Claus Karriere macht.
Übrigens ist seine rot-weiße Erscheinung keine reine Erfindung einer bekannten amerikanischen Getränkemarke. Den roten Bischofsmantel hatte er schon vorher.
Santa Claus wird zum gemütlichen Opa
In Nordamerika wird der ehemals drahtige, die Armen versorgende türkische Bischof immer dicker. Verantwortlich dafür ist ein Deutscher aus Landau in der Pfalz. Thomas Nasts Eltern wandern in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach New York aus. Der kleine Thomas hat es in der Fremde schwer und flüchtet sich in die Malerei. Am Ende wird er ein bedeutender Karikaturist und malt jahrzehntelang für die Illustrierte Harper’s Weekly. Von ihm bekommt Santa Claus einen dicken roten Pelzmantel und wird zum gemütlichen Opa.
Diese gezeichnete Figur ist es, die in den 1930er Jahren dann vom berühmten amerikanischen Getränkekonzern aufgegriffen wird. Das Ziel: Die Menschen sollen die bekannte dunkle Limonade – eigentlich ein Sommergetränk – auch in der kalten Jahreszeit kaufen. Die Werbekampagne wird ein voller Erfolg.
Nach dieser Typverwandlung schafft Santa Claus es, nun unter dem Namen „Weihnachtsmann“, die protestantische Figur des Christkinds an vielen Orten zu verdrängen.
Wer bringt bei dir zuhause die Geschenke, das Christkind oder der Weihnachtsmann?
Die puritanische Gegenbewegung: Kampf gegen den Trubel
Doch nun zurück zur eigentlichen Geschichte von Weihnachten. Denn als das Fest immer volkstümlicher und kommerzieller wird, entwickeln sich natürlich auch erste Gegenbewegungen.
Stell dir England im 17. Jahrhundert vor. Zwar sind die Kirchen voll, aber viele Feste sind aus dem Ruder gelaufen. In den Städten wird an Weihnachten nicht nur gebetet, sondern gesoffen, gestritten, geprügelt. Manche sagen: „Das ist Kirmes, aber kein Geburtstag des Retters.“ Fromme Christen, die später „Puritaner“ genannt werden, fragen: Brauchen wir wirklich einen großen Feiertag, wenn am Ende nur Lärm bleibt? Wäre es nicht besser, jeden Tag bewusst und ehrlich zu leben? Und auch das Fest aufs Wesentliche zu reduzieren?
1647 erlangen die Puritaner die politische Mehrheit im Land. Daher beschließt das Parlament in London im Jahr 1647, dass Weihnachten als öffentlicher Feiertag wegfällt – keine geschlossenen Läden, keine Umzüge, keine großen Feiern auf den Straßen. Die Idee dahinter: Ohne den Rausch bleibt das Wesentliche. Manche Menschen jubeln. Andere sind empört. In einigen Orten sind Proteste die Folge, doch die Frommen bleiben dabei: „Wir schaffen das. Wir arbeiten am 25. Dezember wie an jedem anderen Tag. Und wenn wir feiern, dann leise. Zuhause. Im Herzen.“
Weihnachten wird verboten
Die puritanische Bewegung macht nicht an den Grenzen Englands halt. Auf der anderen Seite des Ozeans, in Neuengland, gehen Menschen mit genau dieser Überzeugung von Bord der Pilgerschiffe. Sie bauen Häuser, roden Felder, gründen Städte und halten auch in der neuen Welt an ihren Prinzipien fest. Und so beschließt die Kolonie in Boston 1659:
Wer den 25. Dezember als Weihnachtstag feiert, zahlt fünf Schilling Strafe. Kein Theater, keine Masken, keine Gelage.
Das Gesetz gilt für 22 Jahre. Doch die puritanische Haltung wirkt noch weit darüber hinaus weiter, das heilige Fest soll nicht wieder zum Rummel werden. Auch die späteren Puritaner predigen: „Lasst uns nicht dem Kalender vertrauen, sondern Gott. Lasst uns nicht nur einen Tag festlich gestalten, sondern Gott das ganze Jahr über treu sein. Wir müssen nicht ein Fest retten, sondern unser Herz.“ Dahinter liegt eine tiefe Sorge, nämlich dass ein lautes Weihnachten die leise Ankunft des Herrn übertönt.
Natürlich kommt es zu Spannungen. Der eine will den Baum festlich schmücken, der Nachbar lieber Holz hacken. Einer will singen, der andere meint, Singen führt nur zu Tanz und Tanz schließlich zu Gelage und Streit. Hier prallen nicht „Gläubige gegen Ungläubige“ aufeinander. Es sind zwei verschiedene gute Absichten, die aufeinandertreffen. Beide Seiten wollen Gott ehren – nur auf unterschiedliche Weise.
Übrigens: Erst 200 Jahre später, im Jahr 1856, wird Weihnachten z.B. im puritanisch geprägten Bundesstaat Massachusetts wieder gesetzlicher Feiertag.
Weihnachten: Das Fest zwischen Stille und Lärm
Was können wir aus dieser Geschichte lernen? Vor allem dies: Die frommen Puritaner waren keine Spaßverderbe, sondern Schutzengel für das Wesentliche. Sie hielten die Tür zu, weil sie befürchteten, dass ein Sturm den eigentlichen Kern des Festes einfach wegwehen könnte.
Waren sie zu streng?
Vielleicht haben sie an manchen Stellen übertrieben gehandelt, aber sie erinnern uns auch heute noch an eine wichtige Frage: Verlieren wir uns im Glitzer und im Stress, sodass wir die leise Stimme Gottes nicht mehr hören?
Was bedeutet das für uns heute?
Die Antwort liegt nicht in den Extremen. Weder „alles ist erlaubt“ noch „nichts ist erlaubt“ führt uns zum Ziel, sondern: „das Richtige in der richtigen Weise“ – und dies gibt jedem und jeder die Freiheit für eine ganz persönliche Gottesbegegnung.
Der gute Kern der harten Lektion der Puritaner ist: Jesus bleibt im Mittelpunkt. Wenn er das Zentrum ist, darf die Feier ihren Platz haben. Dann wird das Essen nicht zur bloßen Völlerei und die Lieder werden nicht zu leerem Lärm. Dann ist Weihnachten nicht nur ein Termin im Kalender, sondern der Startpunkt für eine echte Begegnung mit Gott.
Aus einem „verbotenen Fest“ kann auf diese Weise wieder das werden, was es eigentlich sein soll: die leise Ankunft des Retters mitten in unserem ganz normalen Leben, und das können wir wirklich feiern!
Warum wir Weihnachten wirklich feiern
Hinter all den Traditionen und historischen Debatten steht eine einfache, lebensverändernde Botschaft: Weihnachten ist Gottes Initiative.
Gott bleibt nicht weit weg. Er kommt in unsere Welt, als ein verletzliches Kind. Damit sagt Gott: „Ich sehe deinen Stress, deine Angst, deine Schuld, deine Sehnsucht.“
Weihnachten bedeutet: Gott wird Mensch, damit du weißt, wie Gott ist. In Jesus zeigt Gott sein Gesicht. Für Christen ist sein Leben die Einladung, Gott zu vertrauen; sein Kreuz ist die Zusage von Vergebung, seine Auferstehung die Hoffnung, dass nicht der Tod das letzte Wort hat.
Es braucht keine Vorleistung. Gnade heißt: unverdiente Nähe. Du musst nicht erst „fertig“ werden. Heute kann dieser Weg beginnen. Frohe Weihnachten!



