Nelli Kronwald: „Ich hatte Angst vor Gott" - Befreiung vom geistlichem Missbrauch
"Ich hatte Angst vor Gott!" Nelli Kronwald, Psychologin und leidenschaftliche Fürsprecherin für Frauen, wuchs mit einem falschen Gottesbild und Glaubenssätzen auf, bis sich alles änderte. In einem erlösenden Moment begegnete Jesus ihr mit all seiner Gnade. Infolge ihrer eigenen Erfahrungen macht sie auf geistlichen Missbrauch aufmerksam und versucht Betroffenen einen Weg aus dem toxischen Kreislauf aufzuzeigen. Wie Nelli Kronwald dabei am Wort der Bibel bleibt und Kraft schöpft, davon erzählt sie im Gespräch mit Daniel Deman.
Transkript
Wenn man so aufwächst, dass man ständig gesagt bekommt: „So musst du aussehen, so musst du handeln, dann liebt dich Gott", dann entwickelt man schnell diese Angst: „Okay, heute habe ich's nicht geschafft, also liebt mich Gott nicht."
Herzlich willkommen bei Bibeltv: Das Gespräch. Regeln und Verabredungen, die braucht wohl jede Gemeinschaft, um gut funktionieren zu können. Die Sache kann aber schnell kippen. Aus Regeln wird dann schnell Zwang und aus den Verabredungen wird eine knallharte Gesetzlichkeit. Dann ist es nicht mehr weit bis zu Missbrauch und zu Manipulation. Schlimm für die Betroffenen auch und besonders, wenn es sich um geistliche Gemeinschaften oder Kirchengemeinden handelt. Unser heutiger Gast hat sich herausgekämpft aus einer sehr engen Form des Glaubens und sie hat einen langen und beschwerlichen Weg hinter sich gebracht, um dort zu sein, wo sie heute ist. Sie wird uns davon erzählen und ich freue mich sehr, dass sie bei uns ist. Nelly Kronwald, herzlich willkommen.
Vielen Dank. In was für einer Gemeinde bist du aufgewachsen?
Genau, ich bin von klein auf in eine Gemeinde gegangen, die, die nicht so groß war. Die Gemeinschaft war, belief sich so ungefähr auf sechzig Personen. Mein, ähm, Papa ist Pastor dieser Gemeinde gewesen und auch heute noch. Und, ähm, ja, ich hab in der Kindheit halt sehr viel, ähm, erlebt, dass, ja, dass, dass das-- Irgendwie war das ja für mich normal, dann dreimal die Woche zur Gemeinde zu gehen, zum Gottesdienst, Bibelsch, äh, abende zu, ähm, zu besuchen, im Kinderchor mit zu singen. Genau, ähm, eigentlich war mein Leben sehr geprägt von diesen Gemeindebesuchen. Auch zu Hause wurde uns sehr viel durch meinen Papa das Bibelwissen beigebracht.
Hört sich jetzt erst mal ganz schön an.
Ja, es war sehr schön.
Ja. Also als Kind war das auch die Normalität.
Ja. Mein Freundeskreis hat sich sehr stark nur auf diese, ähm, Menschen auch bezogen, die in dieser Gemeinschaft auch mit mir unterwegs waren. Genau. Mit den, äh, Freunden aus der Schule hatte ich weniger zu tun.
Ja. Genau. Und so wuchs ich dann auch in dieser Jugend mit auf und merkte eigentlich nicht, ähm, wie sehr ich mich von anderen unterschied. Und mein Bild war so geprägt, dass ich alleine, also mit meiner Familie und mit der Gemeinde, mit der ich unterwegs bin, wir sind richtige Christen, wir sind richtig unterwegs. Also unser Aussehen ist perfekt. Unser Aussehen, so, so muss ein Christ aussehen. Habe ich andere Christen getroffen, die anders aussahen, waren sie für mich keine Christen. Die haben-
Wie sieht denn ein perfekter Christ aus?
Genau. Nur mal für uns da.
Ja, genau. Ähm, ich hatte meine Haare zumeist zusammengetragen, Make-up war nicht erlaubt, ähm, und die, ähm, Kleiderordnung bezog sich auf, äh, Röcken, Röcke. Also jede Frau sollte Röcke tragen. Hosen waren nicht erlaubt.
Mhm.
Genau, weil das männliche Kleidung, äh, ist.
Mhm.
Und dass viele Regeln und Gesetze, die in der Kirche, in unserer Gemeinde galten, beruhten sich tatsächlich auf dem Wort Gottes, aber so wie sie in der Gemeinde halt intern ausgelegt worden sind.
Ja.
Mhm. Also ganz, äh, klare, auch äußerliche Zeichen-
Genau.
-wo du erkannt hast, äh, das sind wir und wir sind die richtigen Christen und das andere, die sind eigentlich, die anderen, die sind eigentlich nicht richtig.
Genau. Unsere, also das wurde auch genauso gesagt: Das ist die einzigst richtige Gemeinde. Ähm, wenn Jesus kommt, werden, ist das die Gemeinde, von der in der Bibel gesprochen wird, in der Offenbarung. Alle anderen sind nicht richtig.
Mhm.
Und wenn man quasi auch, ich hab auch mitbekommen, wenn Mitglieder rausgetreten sind, dann wurden sie als Abgefallene abge, ähm, also, ähm, bezeichnet.
Ja.
So, sie sind nicht mehr mit Jesus unterwegs, auch wenn sie in eine andere Gemeinde gegangen sind. Sie sind nicht mehr mit Jesus unterwegs.
Oh.
Genau. Und da waren auch zum Beispiel wie das Trinken von Alkohol oder, ähm, ja, auch so andere Verhaltensweisen, wo wenn ich gesehen hab, jemand anders trinkt Alkohol oder geht, ähm, feiern oder auf der Hochzeit wird auch getanzt. Das waren alles keine echten Christen für mich.
Also tanzen auch nicht.
Nein, tanzen auch nicht. Genau. Trinken-
Und die Hochzeiten waren sehr schlicht gehalten. Es waren eher so wie Gottesdienste, ähm, mit ganz vielen Vorträgen, aber wir durften nicht tanzen. Musik, laute Musik wurde dann auch nicht gespielt. Wir durften kein, ähm, Schlagzeug in der Gemeinde be, benutzen. Also es war alles eher so. Ja, so, das war die Form, in der ich aufgewachsen bin.
Das prägt einen, ne?
Das prägt, hat mich sehr geprägt. Genau. Das hat mich dahingehend geprägt, dass ich große Angst hatte vor Gott.
Mhm. Ähm, wenn man so aufwächst, dass man ständig gesagt bekommt: „So musst du aussehen, so musst du handeln, dann liebt dich Gott", dann entwickelt man schnell diese Angst: „Okay, heute hab ich's nicht geschafft, also liebt mich Gott nicht." Und vor allem diese Angst, nicht in den Himmel zu kommen, die war enorm groß. Ich hatte wirklich immer wieder Ängste: Wenn Jesus heute kommt, ich komme nicht zu ihm. Egal wie viel ich mich bemüht habe. Und dann war auch immer dieses: Ich muss beichten, ich muss Buße tun, ähm, sonst komme ich nicht in den Himmel, sonst schaffe ich das vielleicht nicht, wenn ich nicht rechtzeitig Buße getan habe.
Und das war wiederum gekoppelt mit dem, dass man sagt, du musst vor den Brüdern, vor den Ältesten, das sind die Ältesten, die die Gemeinde leiten, vor ihnen musst du Buße tun, gerade bei Sünden, die kategorisiert werden als schlimme Sünden, die musst du vor den Ältesten be-bekennen, sonst ist dir nicht vergeben.
Ja.
Und man ist in so 'nem Zwiespalt: Okay, eigentlich will ich das nicht, dass es jeder erfährt. So. Weil das oft das auch mit sich zog, dass man ausgeschlossen worden ist, dass dann andere das miterfahren haben und man wollte das nicht. Das war, die Scham ist so groß gewesen. Und dann wieder: Aber wenn ich's nicht bekenne, dann vergibt mir Gott nicht.
Ja. Das, das betrifft ja auch die Privatsphäre, Intimsphäre. Die wird dadurch ja eigentlich massiv verletzt-
Ja.
-kann man sagen.
Genau. So war das nämlich bei mir auch. Ich hab, ähm, ich bin vor der Ehe mit meinem damaligen, äh, Freund zu weit gegangen und dieser Zwiespalt, der war unfassbar schwer, weil ich auf unserer Hochzeit da saß und gedacht hab: "Herr, hast du mir vergeben? Ich sitze hier und heirate gerade diesen Mann, aber, äh, ist mir vergeben? Ist hier alles rein? Ich trage ein weißes Kleid, aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich bin nicht rein. So mir ist nicht vergeben." Es war sehr schmerzhaft.
Also dieser Druck, den hast du auch mit in die, in die Hochzeitsfeier dann mit hineingenommen.
Ja. Und, äh, weil's nicht ausgesprochen war-
Genau.
-und weil du's nicht vor den Ältesten-
Genau.
-gebeichtet hast, sozusagen.
Ja. Und oftmals wurde auch gesagt: "Okay, wenn dann jemand krank geworden ist..." Ich lag dann auch 'ne Zeit lang im Krankenhaus, weil ich, ähm, eine kleine OP, einen, einen kleinen Eingriff hatte. Und dann kamen wirklich so drei, vier dieser Brüder, Ältesten und haben angefangen, mich zu, ähm, ja, mit mir, mich-- Die haben gesagt: "Du musst jetzt bekennen, ähm, deine Sünden, damit wir erfahren, was dazu geführt hat, dass du jetzt im Krankenhaus liegst." Und dann liegst du da und denkst: "Muss ich, hab ich alles bekannt oder muss ich noch was bekennen? Hat mich Gott jetzt bestraft?" Also ja, immer in die-- Angst ist, glaube ich, so der leitende Faktor in so Gemeinschaften, dass man wirklich ständig Angst hat vor Gott, äh, nicht zu bestehen. Oder zum Beispiel auch, wenn du nicht die Zungensprache hast, dann bist du nicht, dann ist der Heilige Geist nicht in dir. So man hat Zungensprache gleich Heilige Geist gestellt und man durfte quasi auch nicht, also man wurde nicht zur Taufe zugelassen, solange man nicht in Zungen gesprochen hat.
Mhm. So das ist so, ich hab viele Jahre gedacht tatsächlich, dass der, also mit dem Heiligen Geist getauft zu sein bedeutet alleine in, also das muss sichtbar sein, indem man dann in Zungen spricht.
Ja.
Mhm. Puh. Ja. Das hast du von frühester Kindheit an eigentlich so aufgesogen, ne.
Ja.
Dieses, dieses Gottesbild, diese Werte, die du grade auch, äh, beschrieben hast und auch diese, ja man spricht, würde ja von einem Tatergehenszusammenhang sprechen, also das, was ich, äh, tue, die Sünden, die ich begehe, haben zum Beispiel auch Auswirkungen auf meinen Gesundheitszustand oder so was. Ja. Das, das schwimmt ja alles mit. Jetzt bist du heute in der Lage, darüber zu sprechen, reflektiert zu sprechen.
Mhm.
Du hast auch, glaube ich, heute ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern.
Ja, hab ich.
Wenn ich das richtig erinnere. Und, äh, du bist sogar, was heißt sogar, aber du bist eine sehr erfolgreiche, äh, Psychologiestudentin. Was hat denn dazu geführt, dass du heute hier so wunderbar vor mir sitzt, wie du es tust?
Ja. Ähm, es hat damit begonnen, dass Gott in mir einen Hunger geweckt hat nach mehr. Ich hab mich irgendwann gefragt: "Kann es denn sein, dass das wirklich Gott ist, dem ich da diene? Ist das das richtige Gottesbild?" Irgendwie wollte ich damit nichts mehr zu tun ha-haben. Ich bin an einen Punkt gekommen, wo ich gedacht hab: "So geht's nicht weiter."
Und, ähm, zum gleichen Zeitpunkt ist es so weit gekommen, dass mein damaliger, also mein Ex-Mann hatte gesagt: "Nelly, ähm, so möchte ich die Beziehung nicht führen." Ich hab auch, äh, verbale Gewalt in meiner Ehe erlebt und je näher ich an den, an das Herz meines, äh, Gottes kam und je mehr ich verstand, dass er mich wirklich liebt, bedingungslos, desto weniger habe ich auf diese verbalen Angriffe reagiert und, äh, das zu Herzen genommen und deswegen, ähm, desto w-wütender wurde mein Ex-Mann und hat dann irgendwann gesagt: "Geh ich, ich möchte das so nicht mehr in dieser, in dieser Konstellation oder in dieser Art." Weil diese, diese Macht irgendwie nicht mehr so greifbar war für ihn.
Und dann bin ich mit meiner kleinen Tochter, sie war damals eineinhalb Jahre, sind wir zu meiner, äh, Schwester gezogen. Die hat uns aufgenommen. Und in dieser Zeit habe ich Gott erlebt. Ich war auf einer Konferenz und da begegnete mir Jesus. Und er zeigte mir, dass das nichts damit zu tun hat, was ich bisher über ihn dachte. Das Gottesbild wurde auf einmal komplett radikal verändert, weil Jesus kam und er begegnete mir mit seiner unfassbar großen Liebe. So etwas hatte ich vorher noch nie gespürt. Jesus begegnete mir und zeigte mir: "Nelly, das hab ich für dich am Kreuz getan." Und Gott sagt: "Wenn, wenn ich sogar meinen Sohn für dich gegeben hab, dann würde ich doch alles andere für dich auch tun."
Und so durfte ich an erster Stelle mir selbst vergeben. Ähm, diese ganze Last. Es war so eine Freiheit da. Ich hab's geliebt. Ich konnt's nicht fassen in dem Moment. Und so schwebte ich wirklich monatelang in dieser, in diesem Freiheitsgefühl, in diesem Glücksgefühl. Plötzlich war für mich die Welt so anders aus. Ich hab überall Gott gesehen, überall, wo ich spazieren war, wo ich mich mit Menschen unterhalten habe. Ich wollte Zeit mit ihm verbringen. Ich hab's geliebt. Wenn vorher die Bibel so 'ne Art Regel war, ich muss lesen, um mit Gott Kontakt zu haben oder irgendwie vor ihm zu bestehen, war das so: "Ich will mehr davon, Gott, ich will noch mehr von dir erleben und erfahren." Genau, und, äh, in diesem Leid der Trennung habe ich Gott erfahren.
Ja. Und seitdem ist es wirklich so mein Herzensanliegen, diese Menschen, die vielleicht auch eben in solchen gesetzlichen Strukturen noch gefangen sind, sie mit reinzunehmen, zu sagen: "Bitte, ähm, prüfe das. Bist du mit Gott in einer engen Beziehung, in einer echten Beziehung unterwegs? Was für 'n Bild von Gott hast du?"
Mhm. "Weil er will dich an sein Vaterherz führen. Er will mit dir 'ne echte Beziehung führen."
Wow. Ja. Jetzt hast du grade, ähm, sehr souverän diesen, diesen Prozess beschrieben. Dein Ex-Mann, der dich, das kann man, glaube ich, schon so sagen, vor die Tür gesetzt hat.
Mhm.
Das hatte ja sicherlich auch Folgen für dein gesamtes soziales Umfeld, oder? Weil das, äh, Ehescheidung ist ja wahrscheinlich auch in der Gemeinde nicht vorgesehen.
Ja.
Nehme ich mal an. Ähm, du hast grad von der sehr positiven Entwicklung gesprochen, die du durch diese Jesusbegegnung, äh, äh, durchlaufen hast. Wie war denn die andere Seite? Wie ist dir denn die, die Gemeinde begegnet? Ähm, wie hast du diese-- Gab's da einen, einen, einen Schnitt? Gab's da eine, eine Trennung von der Gemeinde? Wie war das damals?
Genau, dadurch, dass ich aus, ähm, Niedersachsen nach Hessen gezogen bin, gab es automatisch diesen Schnitt durch den Umzug.
Ja.
Und, ähm, ja, meine Seite wurde erst mal nicht angehört. Und da war erst mal lange Stille. Ähm, und ich hab dann irgendwann mitbekommen, Nelly wird ausgeschlossen aus unserer Gemeinde. Nicht, dass ich-- Also ich hab denen geschrieben, ich möchte gerne austreten, ganz offiziell und in Frieden, weil mit der Gemeinde hab ich ja quasi keinen Konflikt dann auch gehabt.
Ja. Es war alles sozusagen in Ordnung.
Mhm.Und da kam erst mal, äh, lange Zeit nichts, bis ich dann irgendwann erfahren hab, ich wurde ausgeschlossen. Aber dann hab ich noch mal den Pastor und seine Frau eingeladen und wir waren noch mal im Gespräch und haben auch noch mal meine Sichtweise angehört und wir haben uns wirklich im Frieden getrennt.
Ja. Genau. Aber was Scheidung an sich betrifft, das stimmt. Also Scheidung wird per se erst mal also gar nicht als kein-- es ist eigentlich kein Weg. Es gibt Scheidung in dem Sinne nicht. In meinem Fall war das aber so, dass mein Ex-Mann dann selbst die Scheidung eingereicht hat.
Ja. Zur Scheidung, genau.
Mhm. Wie ist das dann mit dir und deinen Eltern weitergegangen?
Mhm. Meinen Eltern fiel es zum Teil am Anfang natürlich schwer, ähm, weil so viel auf einmal auf sie zu, äh, traf und, ähm, sehr viel, also in unserer Kultur, in der ich aufgewachsen bin, ist es gaaanz, ganz wichtig, welchen, welches Bild man nach außen gibt. Ganz wichtig. Also nach außen hin sollte es am besten perfekt sein. Da sollte, sollte so ein Zerbruch nicht stattfinden. Und da wurde ja erst mal versucht: Okay, vielleicht klappt das ja noch, vielleicht ist da ja noch ein Weg.
Und, ähm, als aber dann meine Eltern mitbekommen haben mit ganz viel Hintergrundinformationen, was da eigentlich passiert ist. Ich hab ja viele Jahre auch geschwiegen, nicht nach außen gebracht, was da eigentlich im, in hinter verschlossenen Türen passierte, ähm, haben sie sich ganz, ganz konkret auf meine Seite gestellt und gesagt: „Okay." Sie bekamen Anrufe rein, sie bekamen verschiedene Einflüsse, also von Gespräche auch mit Bischöfen, mit Ältesten. Weil mein Papa ja auch ein leitender Pastor ist. Aber die haben sich tatsächlich dann auch auf meine Seite gestellt und auch alle meine fünf Schwestern.
Ja. Ich liebe sie so sehr. Also wir sind da echt unterwegs in eine Richtung, wo sie gesagt haben: „Bis hierhin und nicht weiter."
Ja, das war dann eine ganz klare Sache,-
Ja.
-dass, dass die auf, auf Nellys Seite stehen. Das ist...
Ja, dass es so auf jeden Fall nicht weitergeht.
Ja. Genau, mhm.
Auch ein großer Segen.
Ja, total.
Mhm. Jetzt hast du grade schon dieses unglaubliche Erlebnis beschrieben.
Mhm. Ähm, mit Jesus und, äh, diese Einsicht, wie's auch sein könnte oder wie befreiend der Glauben auch sein kann, wie schön und wie, ähm, wie überwältigend gut. Äh, was macht man denn dann damit, wenn man so eine Begegnung hat? Du hast grade schon gesagt, du bist durch die Gegend gegangen überall war Gott.
Mhm.
So bleibt's dann ja meistens in der Intensität nicht. Irgendwann muss man ja auch wieder in den Alltag zurück. Was hast du gemacht?
Ähm, ich habe ab dem Moment, wo, äh, mir Jesus begegnet ist, hab ich verstanden: "Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Und das, was ich jetzt noch im Fleisch lebe, lebe ich durch den, der in, also für mich sein Leben gegeben hat." Galater zwei, zweiundzwanzig.
„Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Und das, was ich jetzt noch im Fleisch lebe, lebe ich durch den, der in, also für mich sein Leben gegeben hat."
Und das war auch meine Bitte: "Herr, hier bin ich. Hier sind meine Hände. Hier bin-- mein, mein ganzes Ich gehört dir. Du kannst mit mir machen, was du willst. Gebrauche mich bitte zu deiner Ehre." Und das tut der Herr. Er hat einfach Wege geöffnet durch meine beste Freundin, die dann zu uns gezogen ist. Wir haben eine Art Mädels-WG, die wir jetzt haben mit meiner Tochter, die Videografin ist und er sagt: „Okay, Nelly, sprich. Fang an, Dinge offenzulegen. Nicht, um irgendjemanden schlecht zu sprechen. Es geht überhaupt nicht um Kritik in, in, in negativer Form. N-- Es geht auch nicht um Bitterkeit. Du, ich leg das jetzt offen. Ich hätte ja auch einfach weiterleben können in meiner Freiheit."
So. Aber Gott sagte zu mir ganz klar: „Fang an." Und das erste Video: „Okay, gut, ich stell mich kurz vor." Das zweite Video: „Ich möchte, dass du sagst, was nicht geschrieben ist." Der Herr hat mir klare Anweisungen gegeben: „Sprich zu den Menschen, was steht nicht geschrieben. Es steht nicht geschrieben, dass du nur mit einer Kleiderordnung von mir bestehst. Es steht nicht geschrieben, dass du nur die Taufe bekommst, wenn du den, äh, die Zungensprache hast." Ähm, und so ganz viele verschiedene Dinge. Und auch nicht: „Es steht nicht geschrieben, dass du nur mit 'nem Kopftuch, äh, in den Himmel kommst." Ja. So verschiedene Angelegenheiten. Ja. So verschiedene gesetzliche Ordnungen.
Und dann war ein Moment, wo er gesagt hat: „Nelly, ich möchte, dass du über geistlichen Missbrauch sprichst."
Mhm. Und ich wusste damals nicht mal, was damit konkret gemeint ist. Und als ich angefangen hab, mich mit der Thematik zu beschäftigen, hab ich verstanden: Hey, das ist mir passiert. Ich habe geistlichen Missbrauch erlebt, von klein auf. Und dann wurde daraus, wurden daraus drei Videos und dann wurde ich eingeladen zu verschiedenen Podcasts, wo viele Rückmeldungen kamen: „Hey, mir ist das auch passiert und ich stecke mittendrin und ich weiß nicht, wie ich da rauskomme."
Es berichten Frauen, ich vor-- weil ich vor allem, also ich bin, ich sehe mich in meinem Dienst als Fürsprecherin für Frauen, weil ich so gerne nach Jesaja einundsechzig: "Er will euch Kopfschmuck statt Asche geben. Er will die Kerkertüren aufschließen. Kommt raus. Ich will, dass ihr einen anderen, also diesen Joch euch abnehmt. Ich bin sanftmütig. Ich bin von Herzen demütig", sagt Jesus. „Kommt zu mir. Ich will euch Ruhe geben." Das ist so, wo ich meinen Auftrag sehe, zu diesen Frauen zu sprechen, zu sagen: „Es gibt so viel mehr als das, was du mit Jesus erlebst. Komm da raus."
„Er will euch Kopfschmuck statt Asche geben. Er will die Kerkertüren aufschließen. Kommt raus. Ich will, dass ihr einen anderen, also diesen Joch euch abnehmt. Ich bin sanftmütig. Ich bin von Herzen demütig", sagt Jesus. „Kommt zu mir. Ich will euch Ruhe geben."
Und ich kriege Rückmeldung, dass Frauen in Depressionen gefangen sind, dass Frauen nicht weiterwissen, weil sie so da drinnen gefangen sind, dass sie Panikattacken haben. Und durch mein Psychologiestudium kann ich das so gut miteinander kombinieren und einfach in Seelsorgegespräche reingehen und so weit ich kann jetzt schon auch helfen.
Ja. Ja. Geistlicher Missbrauch hast du gerade gesagt. Das ist ja im Moment ein Wort, was auch eine, ähm, eine große Öffentlichkeit hat. Und manchmal kann es ja auch gut sein für das, was einem passiert ist, auch ein Wort zu haben. Also wenn das nicht so einfach nebulös, äh, im Innern, äh, in, von einem selber ist, sondern wenn man sagen kann: „Ja, mir wurde geistlicher Missbrauch angetan", wenn man das einfach auch für sich klar hat. Ähm, und du hast auch gerade gesagt, ähm, du sagst oder du kannst Frauen dabei helfen, auch da rauszukommen. Wie kann man denn da rauskommen?
Mhm. Das wichtigste geistliche Prinzip hierbei ist Vergebung. Und ich sage es auch ganz klar: Vergebung bedeutet nicht, ich vergesse einfach und ich gehe drüber, weil das, damit wurde auch in meinem Kontext viel geistlicher Missbrauch betrieben. Wurde mir wehgetan, wurde gesagt: „Vergib einfach, vergiss." Ähm. Leider ist auch in meinem engen Umfeld sexueller Missbrauch zum Beispiel passiert an Kindern. Und, ähm, hier wurde auch gesagt: "Wir bringen das nicht in die Öffentlichkeit. Das muss schön unter, unter uns bleiben. Ähm, vergib, vergiss."
Und das ist so, wo ich denke: Nein.
Das ist toxisch, ne?
Das ist toxisch und das ist nicht das Prinzip. Gott möchte nicht, dass wir einfach sagen, wir decken alles, weil da wir, damit werden auch die weiteren Opfer zum Beispiel nicht geschützt. Und auch das, das Kind oder die Person, die das erlebt hat, die wird ja nicht geschützt in dem Moment. Genau da bin ich, ähm, da denke ich, da muss unbedingt, ähm, das muss unbedingt rausgebracht werden. Da muss Heilung geschehen, indem man das benennt, was da passiert.
Genau. Ähm, und ich denke aber, für das für sich selbst zu sagen, "Ich will diesen Menschen vergeben. Sie haben mir wehgetan, aber ich werde nicht in dieser Nichtvergebungshaltung bleiben und Bitterkeit zulassen." Ich glaube wirklich, dass Gott mir diese Kraft gegeben hat, diesen Menschen zu vergeben, dass ich da so frei sein kann und dass ich wirklich zu ihrem Herzen sprechen möchte und sagen möchte gerade: "Komm, es gibt einen anderen, anderen Blickwinkel, einen anderen, eine andere Sichtweise."
Genau. Ja. Und deswegen möchte ich mit diesen Frauen erst mal: Besprich das. Leg das offen mit einer Person. Was ist dir passiert? Das ist ja Seelsorge. Rausbringen so. Das ist mir wirklich passiert. Den Schmerz zulassen, ihn nicht immer verdrängen. Und dann den nächsten Schritt zu gehen, zu sagen: "Ich möchte diesen Menschen vergeben. Ich möchte in diesen Heilungsprozess reingehen." Und Vergebung bedeutet auch nicht, dass es sofort passiert, sondern dass es auch ein Prozess ist.
Genau. Hat das zum Beispiel auch die Beziehung zu deinen Eltern betroffen-
Ja.
-die dich damals nicht geschützt haben vor dem, vor dem geistlichen Missbrauch?
Ja, doch. Also ich hab, hm, genau, ich hab einfach mit meinen Eltern das auch öffentlich, also ein Gespräch gesucht und mit denen alles besprochen.
Ja. Und wir haben einander um Vergebung gebeten.
Ja. Hat ja auch was mit Erwachsenwerden und Erwachsensein zu tun. Letzten Endes auch im Glauben, ne.
Ja. Wie ist es im Glauben, also glaubensmäßig für dich weitergegangen? Du bist ja heute wahrscheinlich in einer anderen Gemeinde als die-
Ja.
-in der du ursprünglich warst, ne.
Ja. Ähm, mein Wunsch war einfach nur, genau Gott dienen. Gott stell mich in die richtige Gemeinde und er hat mich dann auch in meinem Heimatort in eine Gemeinde geführt, wo ich mich wirklich, wo ich die Gottesdienste auch anders erlebt habe, wo ich Freiheit erlebt habe. Wo ich auch heute noch Menschen, die zu uns in die Gemeinde kommen, äh, sagen höre, dass sie sich so 'ne Freiheit während des Lobpreises spüren, dass sie einfach das erleben, dass Jesus da ist. Und das hab ich gelebt. Also diese, diese Veränderung war da und ich war dann auch im Lo-Lobpreisteam mit tätig. Ich hab einfach so...
Ach so, genau, was sich vielleicht radikal verändert hat, war, wenn ich vorher nicht über Jesus gesprochen habe, war ich hier einfach nicht nur in der Gemeinde. Ich war nicht mehr diese Sonntagsbesucherin, sondern überall. Überall, wo ich war, hab ich angefangen, über Jesus zu erzählen.
Wovon das Herz voll ist. Davon geht der Mund über, ne.
Genau. Und so war das also. Ich konnte mich gar nicht so stoppen. Hat mir Gott diese Gelegenheit geschenkt, hab ich so gerne über ihn erzählt und nicht nur sonntags. So und, und auch, "Herr, wo willst du mich gebrauchen, auch in der Gemeinde?"
Und ich glaube, auch diese andere, äh, ähm, Sichtweise oder das andere Problem kann sein, dass man sagt, "Oh, meine Gemeinde ist so langweilig und ich komm da irgendwie, ja, es macht keinen Spaß, sie zu besuchen." Ähm, ich glaube, es, wir sind alle, ei-, jeder Einzelne von uns ist der Tempel des Heiligen Geistes. Wir sind, zusammen bilden wir die Gemeinde Christi und jeder Einzelne sollte einfach auch aufstehen und sagen: "Wo kannst du mich gebrauchen? Wo kann ich mich einbringen?" Ich muss nicht nur von meinen Pastoren erwarten, dass sie mir Gutes tun, nicht vom Lobpreisteam erwarten, dass sie mir guten Workshop sonntags machen, sondern: "Wo kann ich mich einbringen, Herr?"
Ja. "Gebrauch mich."
Genau. Ganz zu Anfang hast du gesagt, dass, äh, die Gemeinde, in der du aufgewachsen bist, auch maßgeblich davon geprägt war: Wir sind die Guten und die anderen sind eigentlich, äh, auf dem falschen Weg. Hat das jetzt auch zur Folge, dass du mit einer größeren Weite auch anderen, äh, Gemeinden, anderen Konfessionen auch begegnest? Wie ist da so-- Oder ist da auch immer noch die, äh, ja ich würd jetzt sagen, die Versuchung, äh, schon auch, äh, da zu unterscheiden, die Böcker, die Böcke und die Lämmer sozusagen und die...
Ich glaube, wenn Jesus kommt, wird es aus jeder Gemeinde, aus, aus der ganzen Gemeinschaft, dem Leib Christi, wird es die Menschen geben, die eine echte Beziehung mit Jesus haben, und die wird er zu sich nehmen. Und das wird dann sichtbar sein.
Ja. Jesus hatte nie uns den Auftrag gegeben: "Bildet verschiedene, äh, Konfessionen. Äh, die einen sollen das und die anderen sollen, sollen sie sich nennen." Sondern wir sind ein Leib und Christus ist das Haupt und das wird sichtbar sein am Tag der Entrückung.
Ja. Also es ist auch gar nicht unser Job, äh, den Schiedsrichter zu spielen.
Genau so ist es.
Oder zu urteilen.
Ja. Ja. Wie sieht dein Leben heute aus? Du bist, wie gesagt, eine sehr erfolgreiche Studentin der Psychologie. Äh, ihr habt 'ne Mädels-WG, hab ich gerade gehört.
Genau.
Äh, mit deiner Tochter zusammen.
Mhm. Und dir geht's gut.
Mir geht's richtig gut, ja.
Und, ähm, jetzt hast du gerade schon gesagt, das hab ich auch mal in den Videos, äh, die du ja, ähm, produzierst, ähm, mal so angerissen gesehen. Wie ist das denn jetzt? Äh, du bist geschieden.
Mhm.
Äh, wie ist das denn jetzt, wenn der Traumann vor der, vor der Tür steht? Wärst du denn bereit für noch, äh, eine zweite Ehe oder wie ist das bei dir?
Ähm, ja. Also ich hab das auch dem Herrn einfach komplett offengelegt. Hab gesagt: "Wenn da ein Mann kommt, den du für mich vorbereitet hast, dann wird er genauso ein Herz haben für dich und dann werden wir einfach eine Einheit sein und dir dienen."
Ja.
Und wenn, wenn Gott das vorgesehen hat, ja. Und also ich würde jetzt nicht, ich geh nicht von alleine auf die Suche und sag: "Ich bin jetzt-
Ja.
-ich bin so glücklich."
Das ist ja auch total super.
Genau, dass ich nicht sage, ich brauche einen Partner, um glücklicher zu werden so.
Ja.
Aber wenn der Herr das möchte, dann bin ich bereit, ja.
Und dann merkst du's sowieso.
Genau, dann wird das, dann wird das so merk..., äh, sichtbar sein.
Ja. Ja. Ich darf mal ein kleines Geheimnis verraten. Du hast vor dieser Sendung bei unserem Vorgespräch, äh, eine, ein, ein Notizbuch, äh, studiert mit, äh, Bibelversen.
Mhm. Hast du vielleicht einen Lieblingsbibelvers, den du jetzt noch mit uns teilen möchtest zum Ende des Gesprächs?
Mhm. Ja, es sind ich, ich hab grade die Bibel fast nicht mehr im Kopf, aber zwei Verse, die ich so liebe und die mich die ganze Zeit auch begleiten. Wenn ich ko-komme selbst manchmal immer noch in so Situationen rein, wo ich auf einmal anfange zu zweifeln. Hey, Gott, liebst du mich wirklich? Das es wird, wird wahrscheinlich ein lebenslanger Prozess sein. Ähm, und ich hab auch, es ist nicht von einem Moment auf den anderen ist Heilung passiert. Auch ich bin jetzt vier Jahre lang einen Prozess durchgegangen. Aber ein Vers, der mich so, ähm, begleitet, ist einfach: "Da, wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit." Ich liebe diesen Vers, weil bin ich jetzt noch in dieser Freiheit, Nelly, bist du das? Immer wieder prüfen. Und Gott, du sagst, dass du, dass du mir Freiheit geschenkt hast und in dieser Freiheit will ich auch bleiben.
"Da, wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit."
Und auch der andere Vers, da, wo Gott ist, da, der ver, also wo die Liebe ist, die vertrei-vertreibt jegliche Furcht. Das ist auch so ein Vers, den ich liebe. So kann es denn sein, dass ich grade in so 'ner, in so 'ner Angst unterwegs bin: Wo ist Gott? Also immer dieses Zusammenführen. Es kann nicht sein, irgendwie stimmt da was grad nicht. Wieder auf diese Ebene zurück. Gott, ich nehme mir deine Liebe jetzt grade in Anspruch. Ich nehme, ich komme zurück zu diesem Ort der Liebe, zum Kreuz. Da bin ich sicher, da bin ich geborgen.
Und vielleicht ein Vers, den ich auch noch so vielen Zuhörern ans Herz legen möchte: Jesus sagt, den hatte ich auch vorhin schon gesagt, ähm, "Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid und ich will euch Ruhe schenken, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig." Erlebe das. Wenn wir das erleben, wie sanftmütig der Herr ist, wie, wie demütig er ist, dann können wir nicht anders, als auf seinen Schoß zu gehen und zu sagen: "Ich will hierbleiben für immer."
"Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid und ich will euch Ruhe schenken, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig."
Ein schöneres Schlusswort kann es nicht geben. Nelly, vielen Dank, dass du heute deine Geschichte mit uns geteilt hast und vielen Dank, dass du heute bei uns warst.
Vielen Dank. Und auch bei Ihnen bedanke ich mich, liebe Zuschauer, für Ihr Interesse an der heutigen Sendung und würde mich freuen, wenn Sie wieder einschalten, wenn es heißt BibelTV Das Gespräch. Machen Sie's gut. Tschüss.
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