Pfingsten

Mehr als nur ein freier Tag bei schönem Wetter

Die Pfingstfeiertage markieren ein schönes Datum im Kalender: Das Wetter ist zu dieser Zeit für gewöhnlich gut, warm und frühlingshaft sonnig. Außerdem gibt es ein verlängertes Wochenende: Pfingstsonntag ist als Sonntag für viele Arbeitende ohnehin frei (in Brandenburg gilt dieser Tag zudem als gesetzlicher Feiertag) und der Montag darauf (Pfingstmontag) ist gesetzlicher Feiertag in allen deutschen Bundesländern. 

Doch Pfingsten ist mehr als nur ein freier Tag. Der Feiertag hat faszinierende jüdische Wurzeln, spielt eine wichtige Rolle im Neuen Testament und hat zudem eine lebendige kirchliche Tradition. Viel Spaß beim Erkunden!

Pfingsten – Bedeutung und Herkunft

Hierfür müssen Wortbedeutung und -herkunft (Etymologie) genauer unter die Lupe genommen werden. Im Neuen Testament taucht Pfingsten in der Apostelgeschichte (2,1) auf. In der Elberfelder Bibel steht da: „Und als der Tag des Pfingstfestes erfüllt war, waren sie alle [gemeint sind die Jünger und Apostel] an einem Ort beisammen.“

Die Elberfelder Übersetzer geben in einer Fußnote die präzise Bedeutung dessen an, was sie traditionsgemäß als „Pfingstfest“ übersetzt haben: „ἡμέραν τῆς Πεντηκοστῆς“ (hēmeran tēs Pentēkostēs) bedeute eigentlich „Tag des Fünfzigsten“

Wie wurde aus „hēmeran tēs Pentēkostēs“ unser „Pfingsten“?

Das etymologische Wörterbuch der Gebrüder Grimm erklärt: Wulfila, der die Bibel in der Spätantike in die gotische Sprache übertragen hat, habe das griechische „Πεντηκοστή“ (Pentēkostē) als „paintekustê“ aufgenommen. Das Gotische ist eine von vielen Wurzeln der modernen deutschen Sprache. Aus Wulfilas „paintekustê“ wurde im Verlauf einiger Jahrhunderte unser „Pfingsten“, was so viel bedeutet wie „Fünfzigsten“ und auch immer noch so ähnlich klingt.

„Tag des Fünfzigsten“ – Woher kommt das?

Der „Tag des Fünfzigsten“ verweist uns auf die jüdische Herkunft des Pfingstfestes. Dass viele christliche Feiertage aufgrund der jüdischen Abstammung des christlichen Glaubens eigentlich jüdische Feste sind, ist gut bekannt und in der Regel problemlos demonstrierbar. Jesus und seine Apostel waren jüdisch und wahrscheinlich auch der überwiegende Rest seiner zahllosen Jünger. Für sie waren jüdische Feiertage genauso verbindlich wie für den Rest Israels.

Später, mit der zunehmenden Abgrenzung zwischen Christen- und Judentum, wurde der ursprüngliche jüdische Charakter vieler christlicher Feste in den Hintergrund gedrängt. Jüdische Feiertage haben die Eigenschaft, dass sie in der Regel auf fixe Daten und nicht auf festgelegte Wochentage fallen (eine wichtige Ausnahme wäre der Sabbat, der immer auf den siebten Wochentag, unseren Samstag, fällt). Die Juden verwenden für ihre Feiertage ihren eigenen „hebräischen“ Kalender, der sich nach Mondphasen richtet.

Für uns ist der Zeitraum März bis Juni interessant. Die 12 hebräischen Monate beginnen mit dem Neumond und sind deswegen im Verhältnis zu den lateinischen Monaten versetzt. Für das Pfingstfest sind die drei aufeinanderfolgenden hebräischen Monate Nissan, Ijar und Siwan interessant. Sie liegen im Zeitraum März, April, Mai, Juni. In diesem Zeitraum liegen auch Ostern und Pfingsten – was kein Zufall ist, wie sich nun herausstellt.

Pessach und Ostern – gibt es einen Zusammenhang?

„Ihr wisst, dass nach zwei Tagen das Passah [=das Pessach] ist, und der Sohn des Menschen wird überliefert, um gekreuzigt zu werden.“ (Mt 26,2) Das sagte Jesus zu seinen Jüngern. Mit „Sohn des Menschen“ meinte er sich selbst und sagte seinen Jüngern somit seinen bevorstehenden Tod durch Kreuzigung voraus.

Das exakte Datum und der exakte Tag seiner Kreuzigung sind umstritten, aber Eindeutigkeit besteht in Hinsicht auf die unmittelbare Nähe zum Pessach-Fest. In der christlichen Tradition wird der Kreuzigung Jesu am Karfreitag gedacht. Seine Auferstehung wird am Sonntag danach, am Ostersonntag, gefeiert.

Zwischen Pessach und Schawuot – warum zählen Juden bis 49?

Juden feiern am fünfzigsten Tag nach dem zweiten Pessach-Abend das sogenannte „Wochenfest“, auf Hebräisch „Schawuot“ (שבועות). Das ist der Plural von „Schawua“ (שבוע). Ein „Schawua“ (m.) ist eine Woche.

Die entsprechende Weisung der Torah lautet: „Und ihr sollt für euch zählen von dem Tag nach dem Sabbat, von dem Tag, an dem ihr die Garbe fürs Schwingopfer gebracht habt: Es sollen sieben volle Wochen sein. Bis zum andern Tag nach dem siebten Sabbat sollt ihr fünfzig Tage zählen.“ (Lev 23,15)

Das „Omer-Zählen“ – So wird gezählt

Pessach beginnt mit dem Pessach-Seder am 14. Nissan. Am 15. Nissan, dem zweiten Pessach-Abend, zählen die Juden „eins“, am 16. Nissan „zwei“. So geht es weiter für den Rest des Monats Nissan und den gesamten Folgemonat Ijar. Der biblische Tag beginnt mit Sonnenuntergang. Deswegen findet das Zählen der Tage zwischen Pessach und Schawuot immer abends, also zum biblischen Tageswechsel statt. 

Es folgt der Monat Siwan. Am 4. Siwan ist man schließlich bei „neunundvierzig“ angelangt. Am Abend des 5. Siwan wird nicht „fünfzig“ gezählt, dennoch ist der „fünfzigste Tag“ oder „Tag des Fünfzigsten“ nun angebrochen. Das Zählen der Tage wird „Omer-Zählen“ (dt. Garben-Zählen) genannt und verweist auf den Erntedank-Charakter des jüdischen Pfingstfestes.

Wir verstehen nun besser, warum in der Elberfelder Bibel steht: „Und als der Tag des Pfingstfestes [genauer „Tag des Fünfzigsten“] erfüllt war, waren sie alle [gemeint sind die Jünger und Apostel] an einem Ort beisammen.“ (s. o.)

Das jüdische Brauchtum – Warum „waren sie alle an einem Ort beisammen“?

Das jüdische „Pfingstfest“, „Wochenfest“ oder „Schawuot“ ist ein zweitägiges Fest, das am Abend des 5. Siwan beginnt und bis zum Sonnenuntergang des 7. Siwan dauert. Am Abend des 4. Siwan hat man 7 x 7 Tage bzw. 7 Wochen gezählt, woraus sich die Bezeichnung des „Wochenfestes“ ableitet.

Es war ein Fest, das alle beteiligten Juden, also die Apostel und nahezu alle Jünger Jesu seit ihrer Geburt mitgefeiert hatten. Es zählt neben Pessach und Sukkot (“Laubhüttenfest”) zu den drei Pilgerfesten, zu denen ganz Israel in Jerusalem zusammenkommen soll. 

Der Festtag war (und ist noch heute) mit allerlei Brauchtum verbunden. Zum Zeitpunkt des erwähnten Pfingstfestes in der Apostelgeschichte stand auch der Tempel in Jerusalem noch. Er war das Zentrum dieses Festes mit Opfern und Erntedankgaben (vgl. Lev 23,15 ff), das zu den wichtigsten im Judentum gehört.

Am Abend des 5. Siwan beginnt der 6. Siwan, also der Tag des jüdischen Pfingstfestes, mit dem Sonnenuntergang. Fromme Juden durchwachen die darauffolgende Nacht und widmen sie vollständig dem Studium der heiligen Schriften

Der Grund dafür ist Wiedergutmachung: Der kollektiven Erinnerung und schriftlichen Tradition des Judentums gemäß fand die Übergabe der ersten beiden der Zehn Gebote am 6. Siwan, also am ersten jüdischen Pfingsttag statt. Das war 7 x 7 Tage bzw. 7 Wochen nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten, dem sogenannten „Exodus“.

Als der 6. Siwan mit dem Einbruch der Nacht begonnen hatte, so geht die jüdische Sage, legte sich das gesamte Volk am Sinai schlafen. Als Gott seinem Volk am frühen Morgen begegnen wollte, fand er es schlafend. Das machte natürlich keinen besonders guten Eindruck.

Seitdem korrigieren die Juden die Verschlafenheit dieser Vorfahren, indem sie in dieser Nacht wachen, um Abschnitte aus Torah und Talmud, die Gebote und Verbote sowie Abschnitte aus den kabbalistischen Büchern zu studieren. Womöglich fand das neutestamentliche „Pfingstereignis“ oder „Pfingstwunder“ statt, nachdem die jüdischen Apostel und Jünger eine solche durchwachte Nacht hinter sich gebracht hatten?

Die Umstände – Was war zwischen Jesu Kreuzigung und dem ersten Pfingstfest geschehen?

Für die Jesu Jünger war es eine bewegte Zeit: erst Jesu Tod und Auferstehung, dann seine Himmelfahrt und nun auch noch ein „Pfingstwunder“. Gott schickt seinen Heiligen Geist. Ein einschneidendes Erlebnis für die Jünger damals mit einer gewaltigen Wirkung – nicht nur für sie, sondern auch für alle folgenden Generationen von Gläubigen. 

In seinen Abschiedsreden hatte Jesus selbst den Heiligen Geist angekündigt und auf seine Funktionen als Helfer, Lehrer, Begleiter und Wegweiser hingewiesen: „Der Beistand [Παράκλητος, Paraklētos] aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,26)

„Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ (Apg 1,8)

„Zungen wie von Feuer“ – Was unterschied dieses Pfingstfest von allen vorausgehenden?

Das sogenannte „Pfingstereignis“ in der Apostelgeschichte stellt zeitlich eine Analogie zu dem „ersten Pfingsten“ am Berg Sinai her: Gott verbündet sich in diesem „zweiten Pfingsten“ nicht nur mit seinem auserwählten Volk, sondern mit „allem Fleisch“ (Apg 2,17) und erfüllt damit die alte Prophezeiung, die er durch seinen Propheten Joel gegeben hatte.

Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, schreibt dazu:

Und plötzlich geschah aus dem Himmel ein Brausen, als führe ein gewaltiger Wind daher, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie von Feuer, und sie setzten sich auf jeden Einzelnen von ihnen. Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, gottesfürchtige Männer, von jeder Nation unter dem Himmel. Als aber dieses Geräusch entstand, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, weil jeder Einzelne sie in seiner eigenen Mundart reden hörte. Sie entsetzten sich aber alle und wunderten sich und sagten: Siehe, sind nicht alle diese, die da reden, Galiläer? Und wie hören wir ⟨sie⟩, ein jeder in unserer eigenen Mundart, in der wir geboren sind: Parther und Meder und Elamiter und die Bewohner von Mesopotamien und von Judäa und Kappadozien, Pontus und Asien und Phrygien und Pamphylien, Ägypten und den Gegenden von Libyen gegen Kyrene hin und die ⟨hier⟩ weilenden Römer, sowohl Juden als ⟨auch⟩ Proselyten, Kreter und Araber – ⟨wie⟩ hören wir sie von den großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden?

Die erste „pfingstliche“ Offenbarung Gottes am Sinai geschah an Israel und in hebräischer Sprache

Die zweite pfingstliche Offenbarung Gottes in Jerusalem geschah an alle Nationen, wenn auch zuerst an die Juden aus ihnen, und in allen Sprachen.

Viele Menschen wurden an diesem „zweiten Pfingsten“ von Gottes Geist ergriffen, ließen sich in den Leib Christi taufen (1. Kor 12,13f) und zählten fortan zur wachsenden Gemeinde dazu. Pfingsten gilt daher als die Geburtsstunde der Gemeinde und ist fulminanter Auftakt der weltweiten Kirche.

Symbole und Brauchtum – das hat die Kirche aus dem jüdischen Fest gemacht

Mit der Zeit entfernte sich das Christentum zunehmend von seinen jüdischen Wurzeln und bekam eine eigenständige Tradition. In der Katholischen Kirche wurde das Pfingstfest im 16.-18. Jahrhundert recht eindrücklich nachgestellt. Manche katholische Gemeinden ließen lebende Tauben frei oder Holztauben mithilfe eines Seils an der Kirchendecke kreisen. Hinzu kamen Weihrauch und persönliche Geschenke, die das Geschenk des Heiligen Geistes symbolisierten. Die Taube im Zusammenhang mit Pfingsten bezieht sich unter anderem auf Jesu Taufe mit dem Heiligen Geist (Mt 3,16).

Das Pfingstfest heute – verschiedene Konfessionen, unterschiedliche Traditionen

Heute feiert die Katholische Kirche Pfingsten als „Pfingstnovene“, d.h. als ein neuntägiges Gebet zwischen Himmelfahrt und Pfingsten für den Empfang des Heiligen Geistes (vgl. Apg 1,14). 

In einigen evangelischen Landeskirchen ist die Pfingstfeier ein bevorzugter Tag für Festgottesdienste mit Konfirmation oder einer langen Nacht der offenen Kirchen. 

Manche Freikirchen oder charismatisch orientierte Gruppierungen veranstalten große Lobpreiskonzerte oder gemeinsame Konferenzen.

Die sogenannte „Pfingstbewegung“ innerhalb aller Kirchen beruft sich besonders stark auf den Heiligen Geist und die Früchte, die dieser an den Gläubigen trägt.

im Kalender 2021:

Sonntag 23. Mai

Für Kinder erklärt: Pfingstsonntag

Andacht zu Pfingsten

Daniel Deman spricht über Pfingsten, wie es in der Bibel steht: Apostelgeschichte 2, 1-13