Dr. Johannes Hartl in Bibel TV DIE SENDUNG
Wie geht Beten? Viele gute Tipps und überraschende Einsichten: Wie können wir mit dem Chef von allem sprechen, unserem Schöpfer und Vater im Himmel, der uns liebt? Matthias Brender hat beim führenden Gebets-Experten, dem Gebetshausgründer, Theologen und Bestsellerautor Dr. Johannes Hartl nachgefragt.

Nach der ersten Folge, in der wir die grundsätzliche Bedeutung von Gebet klären, folgt ab Folge zwei eine ausführliche und praktische Einführung mit vielen Tipps, bei der sowohl Einsteiger als auch langjährig erfahrende Beter noch Hilfreiches lernen können – für eine gute, erfüllende Begegnung mit dem lebendigen Gott. Gebet ist so einfach und kann doch alles verändern!
Folge 1: Was bringt beten
„Beten bringt überhaupt nichts, deswegen ist es so wichtig!“ Ist es also wichtig zu beten oder es nicht zu tun? In dieser spannenden Folge geht Dr. Johannes Hartl dieser Frage nach.
Was bringt Beten – Transkript
Was bringt Beten – Transkript
Matthias Brender:
Wie geht beten? Der Vorteil ist ja, dass wir mit dem Chef von allem reden können im Gebet. Und wie das genau geht, das wollen wir jetzt von den Experten hier hören. Im Gebetshaus Augsburg.
Und jetzt sind wir da. Da oben sind die Büros des Philosophen und Gebetstheologen Dr. Johannes Hartl. Und warum beten eigentlich? Und was das bringt? Das können wir ihn jetzt mal selber fragen.
Johannes, schön, hier zu sein.
Dr. Johannes Hartl:
Hallo, komm rein.
Matthias Brender:
Du bist Gebetsexperte. Deswegen kommen wir zu dir und wir hätten da mal eine Frage: Nämlich was bringt Beten denn eigentlich?
Dr. Johannes Hartl:
Da kommt gleich die schlechte Nachricht. Beten bringt überhaupt nichts. Aber genau deswegen ist es so wichtig.
Matthias Brender:
Das musst du uns besser erklären. Du hast ein ganzes Leben darauf ausgerichtet.
Dr. Johannes Hartl:
… verschwendet.
Matthias Brender:
Verschwendet. Ja, das ist die Frage. Es bringt nichts. Und trotzdem tust du es die ganze Zeit.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, so wie ganz viele andere schöne Sachen im Leben auch. Das Lieben bringt auch nichts. Aber ohne die Liebe wäre das Leben gar nichts.
Matthias Brender:
Aber dann bringt es ja doch was.
Dr. Johannes Hartl:
Aber erst dann, wenn ich alle Wünsche, dass es mir was bringt, loslasse. Also wenn ich einen Menschen liebe oder wenn ich meine Frau küsse und sage: Was bringt mir das Küssen jetzt? Das ist gar kein Kuss mehr, dann ist es fast schon Missbrauch.
Matthias Brender:
Das heißt, das ist die falsche Frage.
Also es bringt viel, aber es geht nicht um das Bringen.
Dr. Johannes Hartl:
Also im menschlichen Leben geht es überhaupt nicht in erster Linie um das, was mir was bringt.
Matthias Brender:
Um was geht es dann?
Dr. Johannes Hartl:
Ich glaube, da setzen wir uns erst mal.
Matthias Brender:
Machen wir.
Ja. Danke für deine Zeit.
Dr. Johannes Hartl:
Ja. Große Fragen, mit denen wir da gleich starten.
Matthias Brender:
Die Frage: Was bringt Gebet? habe ich jetzt gelernt, ist nicht die richtige. Aber ich will ja Dinge tun, die gut sind für mein Leben. Erklär mir das doch mal.
Dr. Johannes Hartl:
Also, ich finde schöner ist die Frage, warum wir Menschen überhaupt beten. Quer durch alle Kulturen tun die Menschen das ja irgendwie in allen unterschiedlichen Religionen. Und du kannst es ja nicht messen. Du kannst nicht sagen, wenn du soundso viele Gebete sprichst, bekomme ich das davon. Und dann kannst du fragen: Warum tun es Menschen trotzdem? Aber Menschen tun alle möglichen Dinge, die nichts bringen. Einen schönen Sonnenuntergang betrachten, bringt ja auch nichts. Und Musik zu hören bringt uns nichts. Also kannst du sagen, da werde ich fröhlicher dadurch. Naja, es gibt auch Musik, die einen traurig macht. Also wir Menschen sind eben Sinnwesen. Das bedeutet, wir tun Dinge nicht nur, weil sie uns was bringen.
Matthias Brender:
Aber ein häufiges Gebet ist ja: Bitte Gott, mach das oder hilf mir da. Und da hoffe ich ja, dass es was bringt.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, das darf man auch. Das ist auch okay. Aber Gebet bedeutet eben, ich kann es aus eigener Kraft nicht kontrollieren. Also, es gibt Sachen im Leben, die kann ich beeinflussen. Ich kann beeinflussen, wenn ich hungrig bin und ich habe was zu essen, dann kann ich was essen. Aber wenn ich nichts zu essen habe, kann ich es nicht beeinflussen. Man sagt auch manchmal, da kann man nur noch beten. Also auch das Bittgebet ist ja ein Anerkennen, dass wir Menschen nicht alles im Griff haben. Und deswegen haben wir eben auch die Erfolge unserer Gebete nicht im Griff. Das wäre dann eher Magie.
Matthias Brender:
Um was geht es dann?
Dr. Johannes Hartl:
Es geht um ein Beziehungsgeschehen. Also christlich verstanden. Ich erlebe den Menschen und mich selber auch als ein Sehnsuchtswesen. Und da hat ein ganz kluger Kopf, der C.S. Lewis mal gesagt, wir Menschen haben Sehnsucht nach Dingen, die nichts in dieser Welt stillen kann. Und wenn du eine Sehnsucht in dir hast, die nichts in dieser Welt stillen kann, dann bist du wahrscheinlich nicht nur für diese Welt erschaffen. Ich glaube, die Menschen haben Sehnsucht nach mehr als Essen, Trinken, Fortpflanzung und Arbeiten. Und das Gebet ist ein Schrei dieser Sehnsucht.
Matthias Brender:
Und wie hilft da das Gebet, diese Sehnsüchte zu stillen oder lass uns vielleicht erst einmal über die Sehnsüchte genau reden. Welche sind es und wie spür ich die im Alltag?
Dr. Johannes Hartl:
Also wir Menschen haben unterschiedliche Sehnsüchte. Zwei, finde ich, haben unmittelbar mit dem Gebet zu tun.
Das eine nenne ich mal die Sehnsucht, irgendwie gesehen zu werden, also dass es da ein Echo gibt. Also rein naturwissenschaftlich betrachtet spielt unser Leben absolut gar keine Rolle. In ein paar Milliarden Jahren ist es auch mit unserem Sonnensystem vorbei und in ein paar Jahrzehnten spätestens ist es mit meinem Leben vorbei. Mit all meinen Wünschen, Träumen und allem, was ich erlebt habe. Das wird irgendwann niemanden mehr interessieren.
Matthias Brender:
Deswegen machen ja viele irgendwas, was bleibt?
Dr. Johannes Hartl:
Ja, das auch. Okay. Aber auch das ist spätestens in 100 Jahren wahrscheinlich vorbei. Und das ist eine Diskrepanz. Ich als Mensch hätte gerne Bedeutung und sehe aber ein Universum, dem ich eigentlich komplett egal bin. Und die Sehnsucht aber, dass es da jemanden gibt, der mich sieht, dass da etwas in Resonanz tritt, das ist eine der Sehnsüchte, warum Menschen beten.
Matthias Brender:
Und was erleben sie, wenn sie es tun?
Dr. Johannes Hartl:
Dass da was zurückkommt. Das ist das Spannende. Warum haben Menschen religiöse Erfahrungen, wenn es keinen Gott gibt oder wenn es da keine Entsprechung gibt? Und Menschen machen aber die Erfahrung, wenn ich bete, kommt da etwas zurück. Und zwar nicht immer so: Der liebe Gott hat zu mir gesprochen und es ist ein Wunder passiert – das kann auch mal passieren. Aber erst mal dieses: Ich fühle mich gesehen, ich fühle mich aufgehoben. Da ist eine Resonanz, da kommt was zurück. Also meine Tränen und mein Bitten, das verhallt nicht in einem Kosmos, das unendlich schweigsam ist, sondern da entsteht so was wie ein Gegenüber, ein Dialog.
Matthias Brender:
Also Beten bringt ein Gegenüber, ein Dialog, ich werde gesehen.
Du sprachst von zwei Sehnsüchten.
Dr. Johannes Hartl:
Die zweite Sehnsucht, die nenne ich die Sehnsucht, mein Leben etwas zu weihen. Das klingt eigenartig, aber in den ganzen Religionen hat Gebet auch was mit dem Opfer zu tun. Also praktisch im Hinduismus bringst du irgendwelche Blumen oder Weihrauch oder du zündest eine Kerze an, auch die Katholiken gehen in eine Kirche und zünden eine Opferkerze an. Und auch säkular, also Menschen, die gar nicht glauben, wollen ihr Leben irgendeiner größeren Sache weihen. Ich gehe für Klimaschutzziele auf die Straße ….
Matthias Brender:
Ist es das Gleiche, wenn ich mich für das Klima auf die Straße setze, wie wenn ich eine Blume opfere?
Dr. Johannes Hartl:
Es ist grundsätzlich erst mal der Wunsch: Ich will mein Leben etwas Größerem weihen als nur meinem eigenen Kleinklein. Wenn es in meinem Leben nur um mein eigenes Kleinklein geht, empfinde ich das Leben langfristig nicht als sinnvoll. Das ist sogar die Definition von Sinn, dass es was Größeres ist als ich selbst und als auch alle innerweltlichen Dinge, zum Beispiel: Ich will mich meiner Familie widmen und ich will mich meinem Job widmen. All das grenzt irgendwo. Irgendwann bin ich alt und krank und kann nichts mehr tun. Irgendwann sterbe ich, irgendwann habe ich kein Geld mehr. Irgendwann kann ich vielleicht nichts mehr zur Rettung des Klimas beitragen. Und ich habe trotzdem diese Sehnsucht, dass mein Leben irgendwie einem höheren Ziel dient. Und ich glaube, das ist eines der Grundimpulse, warum Menschen beten.
Matthias Brender:
Danke. Kannst du es uns einfach noch mal griffig zusammenfassen. Warum soll ich jetzt beten?
Dr. Johannes Hartl:
Weil das Leben sonst oberflächlich wird, ganz einfach. Wenn mein Leben nur darum kreist, was will ich, was mache ich heute, was passiert morgen, wird das Leben flach. Ich glaube, wenn wir diesen tiefen Impuls, diesen tiefen Sehnsüchten nachgehen, hat das Leben Resonanz und Tiefe und Gewicht.
Matthias Brender:
Also Gebet als Reaktion auf diese Sehnsüchte. Aber vieles, was wir gerade besprochen haben, funktioniert auch, wenn auf der anderen Seite gar nichts ist. Also, ich kann beten, weil es für mich irgendwie gut ist. Aber eigentlich wünsche ich ja schon, dass da was ist.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, im letzten kann es das nicht beweisen. Deswegen ist Gebet ein Glaubensakt und nicht ein dogmatischer Fundamentalismus. Und ich glaube, der Glaube ist insgesamt ein Wagnis. Das ist irgendwie dem nachzugeben. Diese Sehnsucht, die ich habe, die hätte ich nicht, wenn es kein Gegenüber gäbe. Keine Ahnung. Wir Menschen haben deswegen Durst, weil Wasser existiert. Wir hätten keinen Durst, wenn es kein Wasser geben würde.
Matthias Brender:
Das heißt, die Sehnsucht ist ein Hinweis darauf, dass es etwas gibt?
Dr. Johannes Hartl:
Ja, absolut. Also, es kann auch meines Erachtens die Evolutionstheorie sonst nicht erklären, warum Menschen Religion entwickelt haben. Also ich glaube, diese Sehnsucht mein Leben einem Größeren zu weihen und meine Sehnsucht im Universum irgendwie Platz zu haben, Bestimmung zu haben, hätten wir nicht, wenn es da gar nichts gäbe. Aber du hast recht. Ob ich das wirklich zurecht hoffe, ist ein Akt des Glaubens, ist ein Wagnis. Das finde ich, macht Gebet so spannend.
Matthias Brender:
Prima. Und dieses Wagnis zu gucken, wie das wirklich geht, da bin ich gespannt darauf, von Johannes mehr zu hören.
Folge 2: So geht Beten – praktische Anleitung für alle
Wie geht erfülltes Beten? Das fragt Matthias Brender den Gebets-Experten Dr. Johannes Hartl vom Gebetshaus Augsburg in einer Sendung voller guter Tipps und überraschenden Einsichten – Gebet ganz praktisch!
So geht beten – Transkript
So geht beten – Transkript
Matthias Brender:
Wie geht Gebet? Dazu sind wir hier im Gebetshaus Augsburg. Und ich bin sehr gespannt, was uns der Leiter des Gebetshauses und Gründer Dr. Johannes Hartl dazu gleich mitgeben wird. Wir sind hier in seinen persönlichen Gebetsräumen und können von ihm lernen, wie Gebet geht.
Wir sind hier in deinen Räumen. Wie betest du hier?
Dr. Johannes Hartl:
Also es ist wirklich ein total simpler, einfacher Akt. Also, dieser Gott, an den ich glaube, der ist immer da. Und der ist mir in seiner Aufmerksamkeit immer liebevoll zugewandt. Und das einzige, was ich eigentlich machen muss, ist meine Aufmerksamkeit auch ihm zuwenden.
Matthias Brender:
Wie geht das?
Dr. Johannes Hartl:
Also wir machen das mal ganz praktisch. Setz dich mal hin.
Matthias Brender:
Also zum Beten erst hinsetzen.
Dr. Johannes Hartl:
Du kannst auch stehen, ist eigentlich egal, nur liegen ist nicht so gut. Da schläft man vielleicht ein.
Matthias Brender:
Okay.
Dr. Johannes Hartl:
Ich mache einfach die Augen zu und werde mir bewusst, dass dieser Gott mich anschaut. So ähnlich wie ich weiß, die Sonne scheint, wenn ich in der Sonne stehe. So ähnlich schaut mich Gott an und so nehme ich einen kurzen Moment mal still zu werden. Ich mache das auch oft so, dass ich kurz in meinen Körper erst mal reinspüre, weil ich bin gestresst, ich bin irgendwo unterwegs und nehme einen tiefen Atemzug und spüre einfach mal, dass ich da bin. Komm zur Ruhe. Und dann werde ich mir bewusst, dass dieser Gott mich liebevoll anschaut. So ein Blick ohne böse Bewertung, ohne Stress. Wir leben ja den ganzen Tag unter dem Blick von vielen Menschen und sind viel im Außen. Und jetzt komme ich zurück unter so einen liebenden Blick Gottes. Und dann nehme ich mir erst mal so ein paar Sekunden Zeit da anzukommen.
Matthias Brender:
Das heißt, ich bin einfach erst mal ruhig und rede gar nichts zu Gott?
Dr. Johannes Hartl:
Genau. Genauso wie bei einer Begegnung bei einem Menschen fängst du nicht sofort an loszuplappern.
Matthias Brender:
Manchmal schon.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, das ist aber gar nicht so cool. Also eigentlich ist es besser, erst mal zuzuhören oder den anderen mal anzuschauen. Und vor allem für eine menschliche Begegnung musst du auch präsent sein. Wenn du innerlich voll woanders bist, dann kannst du keinen Kontakt haben. Und bei Gott ist es auch so! Es geht doch gar nicht darum, etwas zu sagen, sondern erst mal da zu sein.
Matthias Brender:
Das ist gar nicht so leicht.
Dr. Johannes Hartl:
Nein, das ist gar nicht so leicht. Ich sage immer gerne, Gebet ist zurückkommen zu dem, der schon auf mich wartet. Gott wartet im Hier und Jetzt. Nur wir sind meistens woanders. Und Gebet ist zurückkommen. Also erst mal still sein und dann kannst du Gott das sagen, was jetzt gerade auf deinem Herzen ist. Stell dir vor, dir gegenüber sitzt dein bester Freund, dein liebster Mensch. Was ist das Erste, was aus dir rauskommt? Bei mir ist es oft was ganz Alltägliches. Ich mache mir gerade Sorgen um mein Kind oder ich habe das und das Problem. Dann bringe ihm das. Bringe ihm erst mal das, was jetzt auf deiner Seele liegt. Weil sonst beschäftigt dich das die ganze Zeit.
Matthias Brender:
Und dabei laut reden oder leise reden?
Dr. Johannes Hartl:
Geht beides. Manchen Leuten fällt es leichter, sich zu konzentrieren, wenn sie laut sprechen. Aber es ist keine Magie drin, also du kannst es genauso in der Stille deines Herzens. Ich stelle mir das immer so vor wie, ich leere erst mal meinen Sack aus, wo das ganze Zeug drin ist. Ich klatsche das Gott alles hin. Schau mal Gott, ich bringe dir alles. Ich bringe dir hier meine Sorge … So erster Schritt.
Matthias Brender:
Okay, also Gebet: Erstens hinsetzen, zur Ruhe kommen und dann Gott erzählen, was einem gerade beschäftigt.
Dr. Johannes Hartl:
Und es muss nicht wahnsinnig ausführlich sein, dass sie sich nicht verratschen, sondern eher auskippen. Ich lege es mal hin, weil sonst kommt man ins Durchdenken der Sorgen.
Matthias Brender:
Also nicht drüber reflektieren, sondern einfach mal aussprechen.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, einfach ablegen. Du kannst es bei Gott parken. Diese Sorge um meine Gesundheit, die Sorge um meine Frau. Wie auch immer, ich gebe sie dir, ich parke die bei dir.
Matthias Brender:
Ich möchte ja, dass er da was tut.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, das vertraue ich dann schon. Aber das Tun erreiche ich nicht, indem ich es durchdenke, weil dann bin ich nur am Grübeln.
Matthias Brender:
Okay.
Dr. Johannes Hartl:
Also erster Schritt abgeben, an Gott abgeben. Zweiter Schritt. Total simpel. Finde drei Dinge, für die du dankbar bist. Weil das ist wichtig, dass wir rauskommen aus diesem Sorgenmodus. Das ist natürlich am Anfang.
Matthias Brender:
Ja, meistens denke ich eh, Gott macht das und das und das.
Dr. Johannes Hartl:
Drum fangen wir auch mit dem an, das passt auch, aber da bleiben wir nicht stehen.
Matthias Brender:
Okay.
Dr. Johannes Hartl:
Deswegen ganz bewusst: Dankbarkeit ist wie so ein Muskel. Den kann man trainieren. Überleg dir drei Dinge, für die du heute dankbar bist.
Matthias Brender:
Also Gott, danke für das, danke für dies und danke für.
Und liebe Zuschauer und Zuschauerin: Wenn Sie zuschauen, können Sie es gerne auch einfach jetzt mitbeten.
Dr. Johannes Hartl:
Genau. Das Gebet ist super einfach. Es ist nichts, wo man irgendwelche frommen Worte sagen muss und studiert haben muss. Total natürlich. Aus dem Bauch raus. Dritter Schritt: Für welche Situation brauche ich jetzt eine Wegweisung?
Matthias Brender:
Wegweisung?
Dr. Johannes Hartl:
Das heißt, ich stehe vor einer Entscheidung oder ich weiß nicht, was ich tun soll oder morgen ist ein schwieriges Projekt, das Wochenende wird was Anstrengendes. Was ist ein Thema, wo ich irgendwie möchte, dass Gott mich leitet? Weil das ist ganz gefährlich. Solche Gebete werden in der Regel erhört.
Matthias Brender:
Also du sagst, da passiert dann was?
Dr. Johannes Hartl:
Ja, da passiert dann was. Auf jeden Fall. Ich glaube, unsere Entscheidungen bekommen eine andere Qualität. Meetings, die schwierig sind oder das Gespräch mit der Schwiegermutter, was auch immer. Persönliche Beziehungsdynamiken verändern sich, wenn ich sage „Lieber Gott, du weißt, ich kann mit meinem 14-jährigen Teenie nicht gut, der ist schwierig. Leite mich da.” Aber jetzt nicht Gott vorlesen, was sind meine Erwartungen, dass der endlich mal aufhört, so viel Computer zu spielen oder so was.
Matthias Brender:
Aber darum geht es ja auch ein bisschen.
Dr. Johannes Hartl:
Also vielleicht
Matthias Brender:
Ich habe ein Problem und sage Gott, hilf mir dabei.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, genau. Aber Jesus hat ja beten gelernt mit dem Vaterunser. Mit dem kann man übrigens auch super abschließen. Das hat es auch total in sich, wenn man die ganzen einzelnen Worte mal langsam durchbetet. Weil da geht es ja nicht nur darum: “Dein Wille geschehe”. Sondern man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Jesus sagt “Dein Wille geschehe”. Also das Normale ist ja, dass wir sagen “Mein Wille geschehe”.
Matthias Brender:
Wir schreiben das Vaterunser mal dazu für die, die es interessiert und nachlesen wollen.
Dr. Johannes Hartl:
Wir Menschen wollen ja eigentlich, dass der eigene Wille geschieht. Ich will schon, dass es nach meiner Nase geht. So, und es ist einfach total viel Lebensweisheit. Bleiben wir bei dem Beispiel mit meinem 14-jährigen Sohn. Mein Wille wäre, dass er am Gymnasium ist. Vielleicht ist es gar nicht das Beste für ihn, am Gymnasium zu sein. Vielleicht ist es viel besser zu sagen “Gott, dein Wille geschehe. Es ist wirklich gut, dass das, was du geplant hast, für meinen Sohn passiert und nicht, was meinen Erwartungen immer entspricht”. Und deswegen dieser dritte Schritt, dieses leite mich, das ist ein bisschen ergebnisoffen.
Matthias Brender:
Also ich sage Gott mein Problem im dritten Schritt, bin aber offen, dass er eine andere Lösung hat als die, um die ich eigentlich innerlich bitte.
Dr. Johannes Hartl:
Exakt. Und darum ist es nicht nur bitten, sondern es ist ein Gebet um Leitung. Das heißt: So, Dein Wille soll in der Situation geschehen.
Matthias Brender:
Okay, und woran merke ich dann, wie er antwortet?
Dr. Johannes Hartl:
Gottes Stimme und Gottes Handeln merkt man am inneren Frieden. Man bekommt ein Gefühl dafür, dass im Leben was passiert, was man so nicht erwartet hatte und vielleicht mir gar nicht so in den Kram passt. Aber ich merke, da ist Frieden drin. Gottes Stimme und Gottes Handeln ist immer von seinem Frieden begleitet.
Matthias Brender:
Okay, das heißt ich merke, ich bin auf dem richtigen Weg, wenn ich Frieden habe und wenn es mich noch umtreibt, dann muss ich noch mal gucken.
Dr. Johannes Hartl:
Ich würde schon sagen und dann einfach wieder Gott hinhalten und sagen: Irgendwie in der Beziehung, ich weiß nicht, ich habe da keinen Frieden. Leite mich. Ist das eine gute Beziehung für mich. In dem Job oder in der Entscheidung, die ich getroffen habe, leite mich.
Matthias Brender:
Okay, also mein erster Schritt war ankommen. Zweiter Schritt war auskippen. Dritter Schritt war Dankbarkeit lernen. Und viertens dann Entscheidungen Gott darlegen.
Dr. Johannes Hartl:
Wenn man jetzt möchte, das ist jetzt schon ein bisschen die Pro Variante. Also was ich zum Beispiel richtig gern mache, zum Abschluss meines Gebetes lese ich was aus der Bibel. Wenn man keine Bibel hat, gibt es heutzutage auch schon alles im Internet. Aber ich mag noch so richtig alte Papierbibeln und ich lese da jeden Tag einen Abschnitt und man kann mal suchen, wo das Buch der Psalmen ist. Es ist ganz leicht zu finden in der großen Bibel, das ist in der Mitte. Und ich habe gestern zum Beispiel den Vers gelesen im Psalm 57: “Sei mir gnädig Gott, sei mir gnädig. Denn bei dir birgt sich meine Seele. Im Schatten deiner Flügel berge ich mich.” Das fand ich so stark. Also ich hatte gestern innerlich so diesen Wunsch. Ja, Gott, das finde ich schön, dass meine Seele von dir wie unter den Flügeln geborgen ist. So, und mir passiert das ganz oft, wenn ich die Bibel lese, dass ich merke, okay, das entspricht ja wirklich meinem tiefsten Herzenswunsch und der Vers begleitet mich dann über den Tag. So könnte man zum Beispiel abschließen.
Matthias Brender:
Okay, und dann Amen sagen oder? Oder muss ich dann?
Dr. Johannes Hartl:
Ja, kann man alles. Also erst mal Amen sagen ist gut.
Matthias Brender:
Was bedeutet denn Amen.
Dr. Johannes Hartl:
Amen heißt: So soll es sein. Und was auch cool ist. Kleine Rituale sind schön. Ich habe zum Beispiel mit meiner Frau ein Ritual, dass wir jeden Tag um fünf Tee trinken. Und so kannst du auch mit Gott ein Ritual machen. Zum Beispiel vielen Leuten hilft es, wenn sie beten, dass sie erst eine Kerze anzünden. Also das ist nichts an sich Magisches oder Heiliges. So wie das brennt, gibt es mir so einen Sammlungspunkt. Du kannst auch eine Bibel verwenden oder ein Kreuz oder irgendein Bild oder auch einen Ort. Hier tatsächlich ist auch mein Ort, wo ich morgens meine persönliche Gebetszeit immer mache. Man kann das anreichern durch so ein kleines Symbol. Oder vielleicht hört man ein Musikstück an oder eine Playlist, die einem hilft. Also man kann ein bisschen ein kleines Ritual daraus machen.
Matthias Brender:
Das war schon eine ganze Menge. Fassen wir es noch mal zusammen. Ankommen und ankommen heißt, sich selber wahrnehmen und sich auf positive Weise von Gott beobachtet fühlen.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, genau.
Matthias Brender:
Auskippen, was einem gerade beschäftigt, ohne drüber nachzudenken oder anfangen zu grübeln.
Dr. Johannes Hartl:
Ohne es durchzugrübeln, genau.
Matthias Brender:
Drittens: Dankbarkeit lernen. Drei Sachen Gott Danke zu sagen.
Viertens: Bei offenen Entscheidungen um Wegweisung bitten und die Wegweisung merke ich dann am Frieden oder nicht? Danach lese ich Bibel und manchmal passt dann vielleicht auch was dazu oder nicht.
Dr. Johannes Hartl:
Genau.
Matthias Brender:
Und damit kann ich durch den Tag gehen. Und letztens Amen sagen, was heißt so sei es. Und dann Kerze wieder ausmachen?
Dr. Johannes Hartl:
Ja, zum Beispiel. Und es ist nicht so wichtig, dass man das so lang macht. Aber wichtig ist regelmäßig. Es ist wie mit dem Sport. Es verändert sich nichts, wenn ich einmal im Jahr Sport mache. Aber es verändert sich ganz viel, wenn ich jeden Tag ein bisschen was mache. Und wenn du jeden Tag zum Beispiel beginnst oder beendest mit einer kurzen Zeit mit Gott, wird das riesige Auswirkungen auf das ganze Leben haben.
Matthias Brender:
Also ich kann mir vorstellen, am Anfang ist da so ein bisschen vielleicht verkrampft oder oh, jetzt muss ich das machen. Ab wann wird es denn besser oder welche Auswirkungen auf das Leben hat es?
Dr. Johannes Hartl:
Also ich würde grundsätzlich nichts bewerten, was ich nicht mindestens zwei Wochen ausprobiert hätte. Es ist wie mit anderen Sachen auch. Wenn ich einen Tag Zähne putze, ist meine Zahnhygiene auch noch nicht besser. Das muss man eine Zeit lang tun und ich behaupte, nach ein paar Wochen merkt man einen riesigen Unterschied. Ich merke mindestens drei Unterschiede.
Das erste ist: Mein Level an innerem Frieden ist grundsätzlich größer.
Zweitens: Ich bin nicht genauso stark genervt von äußeren Sachen, also von anderen Kollegen oder irgendein negatives Feedback, da gehe ich ein bisschen gelassener damit um.
Und drittens: Die Qualität von meinen Ideen wird besser. Also auf einmal, auch im Gebet, kommen mir manchmal Ideen, wo ich denke, die sind besser als das, was mir normalerweise sonst einfällt. Vielleicht ist es sogar vom lieben Gott mit eingegeben. Weiß ich nicht, aber zumindest glaube ich, schärft es die innere Unterscheidung, wenn wir uns regelmäßig auf Gott ausrichten.
Matthias Brender:
Wow! Ganz herzlichen Dank, Dr. Johannes Hartl. Viel von dir noch im Internet, wer sich das alles noch vertiefen will. Aber jetzt seid ihr dran. Probiert es aus. Ihr habt gelernt, Frieden, Ideen, ein anderes Lebensgefühl und eine andere Erfüllung unserer tiefsten Sehnsüchte. Probier es aus. Ab zwei, drei Wochen kommt die Veränderung. Schreibt, was bei euch passiert.
Folge 3: Arten des freien Gebetes
Was wir anbeten, beeinflusst unser Leben. Aber wie können wir sicherstellen, dass wir Gott anbeten? In dieser Episode erläutert Dr. Johannes Hartl drei Formen des freien Gebets, die dir helfen, Gott näherzukommen.
Arten des freien Gebetes – Transkript
Arten des freien Gebetes – Transkript
Matthias Brender:
Ich habe hier die Chance, neben dem Gebetsexperten zu sitzen. Dr. Johannes Hartl, Philosoph, Theologe, Gebetshausgründer. Und wir sprechen über das Gebet und du hast uns gerade in der ersten Folge grob mit reingenommen. Oder eigentlich schon sehr detailliert, wie Gebet passieren kann. Aber ich habe auch von dir gelernt, es gibt ganz viele unterschiedliche Arten zu beten. Jetzt mal also für die, die sich da ein bisschen mit den Anfängen zurechtgefunden haben, mach uns mal so ein bisschen die Karte des Gebetslebens.
Dr. Johannes Hartl:
Also ich gehe jetzt erst mal nur vom freien Gebet aus. Weil es gibt ja auch das liturgische Gebet in der Kirche. Aber ich sag jetzt mal, wenn du für dich persönlich betest, würde ich mal drei Hauptarten unterscheiden.
Matthias Brender:
Also es gibt drei Gebetsarten, die man frei sprechen kann.
Dr. Johannes Hartl:
Würde ich sagen. Bitten. Danken und Anbeten.
Also erst mal Bitten ist ja ziemlich bekannt. “Lieber Gott, bitte mach, dass”
Matthias Brender:
Das ist wahrscheinlich das meiste.
Dr. Johannes Hartl:
Das ist das meiste. Dann auch noch relativ bekannt ist Danken. Es ist auch naheliegend.
Matthias Brender:
Vermutlich deutlich weniger als Bitten.
Dr. Johannes Hartl:
Erfahrungsgemäß. Aber ich bin krank gewesen, werd gesund, aus Dankbarkeit bete ich. Und das Dritte ist eigentlich das Unbekannteste. Das ist das Anbeten oder auch Preisen.
Matthias Brender:
Anbeten oder preisen.
Dr. Johannes Hartl:
Genau. Und da geht es nicht um das, was Gott für mich getan hat, sondern dass, wer Gott ist.
Matthias Brender:
Okay, nimm uns dann mal mit rein in das Geheimnis der Anbetung.
Dr. Johannes Hartl:
Also da müssen wir ein bisschen ins Denken gemeinsam. Ich behaupte, dass alle Menschen irgendwas oder irgendwen anbeten. Und zwar Anbetung bedeutet, den Akt zu vollziehen, irgendwas deiner höchsten Aufmerksamkeit zu geben.
Matthias Brender:
Also mein Fußballverein.
Dr. Johannes Hartl:
Genau, wenn du den ganzen Tag daran denkst, dann ist eigentlich dein Fußballverein so was ähnliches wie dein Gott.
Matthias Brender:
Okay.
Dr. Johannes Hartl:
Für die meisten Menschen ist das wahrscheinlich nicht der Fußballverein, aber es ist vielleicht die Karriere.
Matthias Brender:
Ja, vielleicht.
Dr. Johannes Hartl:
Es gibt Menschen, die vielleicht an nichts anderes denken und die der Karriere alles opfern. Im ersten Teil habe ich über das Opfern gesprochen. Das ist eigentlich was Religiöses. Wir Menschen wollen unser Leben irgendwas opfern. Und ich behaupte, wenn irgendwas anderes außer Gott an der allerallerallerobersten Stelle im Leben steht, ist es eigentlich ein Götze, den ich anbete.
Matthias Brender:
Und was an höchster Stelle steht, machst du daran fest, wie oft wir daran denken.
Dr. Johannes Hartl:
Zum Beispiel daran und auch, was ich bereit bin, dem alles zu opfern. Also zum Beispiel wenn meine Karriere oder Geld mein Gott ist, werde ich dem alles andere opfern. Das ist tatsächlich die Definition von Anbetung.
Matthias Brender:
Das heißt, wenn ich in ein anderes Land gehe, für einen Job oder besonders viel arbeite, dann opfere ich Lebenszeit dafür und bete damit meinen Job an.
Dr. Johannes Hartl:
Erst mal das ist ja okay bis zu einem gewissen Punkt. Aber wenn du ihm alles opferst, also auch deine Gesundheit, deine Beziehungen, deinen Seelenfrieden, dann ist dein Job dann Gott geworden. Und dann betest du eigentlich deinen Job an, deswegen sage ich: Ich glaube, jeder Mensch hat irgendwas, was bei ihm oder ihr das Höchste im Leben ist, worauf sich alles ausrichtet. Und das nenne ich Anbetung. Auch wenn Leute sagen würden, dass sie gar nicht religiös sind. Ich glaube, so was gibt es im Herzen von Menschen. Man kann es sich fast vorstellen, wie im Herzen von einem Menschen ist wie so ein Thron und so ein kleiner Gott, der sitzt darauf. Irgendwas ist das höchste, kann auch dein eigenes Ego sein.
Matthias Brender:
Okay. Woran merke ich das, dass ich das anbete?
Dr. Johannes Hartl:
Das merkt man eben nicht so gut. Das merken andere.
Matthias Brender:
Okay.
Dr. Johannes Hartl:
Andere merken das. Wenn das eigene Ego auf dem Thron sitzt, dann hat man immer mit Vergleichen zu tun.
Matthias Brender:
Wie gut bin ich? Wie gut ist jemand anders?
Dr. Johannes Hartl:
Wenn es nur darum geht, der Beste zu sein, dann sind die anderen immer eine Bedrohung. Und ich glaube, nur wenn Gott auf diesem Thron sitzt, nur wenn wir Gott anbeten, werden wir wirklich frei.
Matthias Brender:
Jetzt bin ich unsicher, wie sehr ich da auf dem Thron sitze. Vielleicht fallen ja euch, liebe Zuschauer auch ein paar Dinge ein. Aber was kann ich jetzt tun, wenn ich sage, okay, jetzt habe ich gehört, Johannes sagt, Gott soll auf dem Thron sitzen. Wie setzte ich ihn da drauf?
Dr. Johannes Hartl:
Ich mache ein total lustiges anderes Beispiel. Ich bin verheiratet. Gesetzt den Fall, mir gefällt aber eine andere Frau auch. Kann ja passieren. Wie bin ich ein treuer Ehemann? Na ja, indem ich mir vor Augen halte die Qualitäten meiner Frau. Die andere ist vielleicht jünger oder hat mehr Geld oder was weiß ich was, hat bestimmt auch ihre Qualitäten. Aber ich treffe eine Entscheidung zu sagen. Ja, genau. Aber meine Frau ist so so so so so so so. … Oder bei den Kindern kann ich das auch machen. Ich vergleiche sie nicht mit anderen, sondern ich schaue auf die Qualitäten dieses Kindes. Und so was ähnliches mache ich mit Gott auch. Also ich habe vielleicht vor Augen meinen Job, mein Ego, meine Karriere oder die Person, in die ich gerade verliebt bin. Und jetzt halte ich mir vor Augen, wer Gott ist und spreche das aus.
Matthias Brender:
Das heißt, ich erzähle mir selber, wer Gott ist.
Dr. Johannes Hartl:
Ich erzähle es Gott zurück.
Matthias Brender:
Okay, weil Gott ist da, wenn ich es erzähle. Und damit erzähle ich nicht mir selber, sondern Gott.
Dr. Johannes Hartl:
Und jetzt kannst du sagen: Was hat denn Gott davon, dass ich ihm erzählte, wie er ist? Es ist nicht die Frage, was er davon hat, sondern es ist die natürliche Reaktion der Liebe. Ich sage meiner Frau: Hey, du siehst heute wunderbar aus und du bist so ein lieber Mensch. Ich sage ihr, wie sie ist. Das ist das, was Liebe eigentlich immer tut. Und Anbetung ist auch eine Form der Liebe, nämlich Liebe zu Gott.
Matthias Brender:
Ja, also ich merke bei mir, einen Menschen zu lieben, das war ein bisschen intuitiver, als Gott zu lieben. Wie komme ich denn da noch mehr rein in diese Gottesliebe?
Dr. Johannes Hartl:
Das beginnt wie alle Liebe auch mit einer Entscheidung. Liebe ist nicht nur Entscheidung, aber es ist auch eine Entscheidung. Es ist tatsächlich so was wie ein Akt, Gott an die erste Stelle zu setzen. Das ist ja abgefahren. Jesus, wird ja gefragt, was ist denn das wichtigste Gebot von allen. Und er sagt nicht, sei ein guter Mensch und trenne deinen Müll. Also so wichtig das vielleicht auch ist. Er sagt auch keines von den zehn Geboten, das heißt nicht stehlen oder so. Sondern er sagt: Du sollst Gott lieben an erster Stelle. Und wenn er sagt, du sollst, dann können wir das offensichtlich wählen. Also, was ist es sonst, wenn ich es nicht beeinflussen kann, dann kann es kein Gebot sein.
Matthias Brender:
Okay, also Jesus sagt, wir sollen Gott lieben, deswegen können wir es. Was tue ich denn jetzt?
Dr. Johannes Hartl:
Also erstmal, du triffst die Entscheidung. Du sagst, ich möchte, dass du wirklich die Liebe meines Lebens bist und dass du mir am wichtigsten bist. Ich erzähle eine ganz abgefahrene Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Da gab es einen Jesuitenpater, Alfred Delp. Der ist zum Tode verurteilt worden, einfach nur, weil er gegen Hitler war. Und er hat einen Satz geschrieben. Und er hat gesagt: Die gebeugten Knie und die leeren Hände sind die zwei Urgebärden des freien Menschen. Also er sagt: Wenn du vor Gott kniest, bist du frei. Und warum meint er das? Na ja, er war frei davon, Hitler zu dienen und ihn anzubeten. Ihn hat es das Leben gekostet, also er war bereit, für diese seine Überzeugung zu sterben. Aber wir verehren solche Menschen heute, weil sie die Größe hatten, einem Hitler nicht auf den Leim zu gehen. Und diese Größe hast du aber nur, glaube ich, wenn du was Höheres hast als einen Hitler und sogar was Höheres als körperliche Sicherheit.
Matthias Brender:
Das heißt, dafür sterbe ich dann, weil ich Gott so sehr liebe.
Dr. Johannes Hartl:
Ja gut, ich hoffe, dass wir nicht sterben, sondern was ich damit sagen möchte, ist, er war frei. Er ließ sich nicht manipulieren von Hitler, der sagt: Hey, ich bring dich um, wenn du nicht Nazi wirst. Und er hat gesagt, ich bin so frei von dieser Angst auch vor dem Tod, weil ich eine Liebe habe, die mir noch höher und noch wichtiger ist, vor der ich tatsächlich knie, die wichtiger ist als alles andere. Deswegen ist dieser Akt der Anbetung was ganz Wesentliches.
Matthias Brender:
Okay, also es war jetzt ziemlich dicht. Ich fasse noch mal zusammen, bitte ergänze. Also Anbetung ist wichtig, weil ich dadurch Gott auf den Thron setze und damit vieles zurechtgerückt wird. Und wie kann ich das tun? Indem ich mich entscheide, Gott zu lieben.
Dr. Johannes Hartl:
Das ist der erste Schritt. Es gibt noch zwei weitere. Jetzt wird es einfacher. Jetzt kommen wir aus den Höhen der Philosophie bisschen runter. Das ist eine Entscheidung. Das zweite ist: Wie du mit deiner Zeit umgehst, ist wesentlich. Wenn ich zu meiner Frau sage, du bist mir voll wichtig, aber ich verbringe nie Zeit mit meiner Frau, dann ist sie mir gar nicht so wichtig. Also wenn mir Gott wirklich wichtig ist, dann werde ich Zeit mit ihm einplanen.
Matthias Brender:
Und was mache ich dann in der Zeit?
Dr. Johannes Hartl:
Jetzt kommen wir zum Dritten.
Matthias Brender:
Okay. Also zweites ist die Entscheidung, Zeit einzuplanen oder ihn zu priorisieren
Dr. Johannes Hartl:
Das Erste ist die Entscheidung. Das Zweite ist, dass du dir Zeit nimmst. Du nimmst dir jetzt fünf Minuten zum Beispiel. Zum Beispiel am Anfang des Tages und sagst, ich starte, bevor ich aufs Handy blicke, bevor ich die Nachrichten schaue, richte ich mich auf Gott.
Matthias Brender:
Das ist schwierig.
Dr. Johannes Hartl:
Das ist total schwierig, finde ich auch. Und jetzt? Ich habe vorher gesagt, wenn ich meine Frau liebe, werde ich ihr sagen, du bist schön und so weiter. Sagen, wer Gott ist, ist ein Schritt von Anbetung. Jetzt sagst du, aber wie ist denn Gott? Ja, ein paar Sachen wissen wir über Gott. Also natürlich ist auch die Frage, von welchem Gott sprechen wir? Ich spreche jetzt vom christlichen Gott. Und da gibt es eine lustige Übung, die können wir mal machen.
Matthias Brender:
Okay, was muss ich tun.
Dr. Johannes Hartl:
Und zwar gibt es A, B, C, D, E F, G, das ABC. Finde für jeden der Buchstaben eine Eigenschaft Gottes. A
Matthias Brender:
A ist, er ist anbetungswürdig
Dr. Johannes Hartl:
Das ist sehr theologisch. Machen wir es einfacher.
Matthias Brender:
Awesome.
Dr. Johannes Hartl:
Machen wir B.
Matthias Brender:
Manchmal ist er auch brutal. Oder gehört das jetzt nicht dazu?
Dr. Johannes Hartl:
Also ich würde erstmal nur Positives nehmen. Mir würde zum Beispiel einfallen, er ist allmächtig. Das Zweite ist barmherzig
Matthias Brender:
Auf barmherzig bin ich jetzt nicht darauf gekommen.
Dr. Johannes Hartl:
So, und jetzt kann ich einfach sagen: Gott, du bist allmächtig. Das ist eigentlich eine abgefahrene Vorstellung. Und das einfach mal kurz sich auf der Zunge zergehen lassen: Gott ist allmächtig und nichts bedroht ihn. Zweitens: Gott ist barmherzig. Ich kann es verbocken. Bei C muss ich ein bissel überlegen. Gott ist charmant. Machen wir also charmant. D. Gott ist demütig, Also im christlichen Verständnis wird er Mensch. Was ist Gott? C, D, E. Was ist Gott E.
Matthias Brender:
Er ist einzigartig.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, genau. Ewig oder so. Also wenn man das ABC Spiel nicht machen möchte, man kann auch was anderes machen. Man kann zum Beispiel das Buch der Psalmen aufschlagen in der Bibel. Da steht ganz viel auch wie Gott ist. Gott ist ein Hirte. Gott ist gnädig und seine Gnade mit uns hört nie auf. Gott ist ein Turm, in dem ich mich bergen kann. Und jetzt? Anbetung heißt, dass ich ihm das sage. Und das Interessante, Matthias, ist, in dem man das sagt, merkt man es auch.
Matthias Brender:
Okay, also am Anfang ist das ja erst mal ein Wortspiel. A, B oder irgendwie aus den Psalmen, Aber indem ich es ausspreche, passiert was.
Dr. Johannes Hartl:
Genau. Und zwar, ich weiß nicht, ob du das mal gemerkt hast. Wenn du im Supermarkt eine Flasche Wein kaufst, da stehen ja hinten so komische Sachen drauf wie Vanillearomen und Grapefruit und Holunder und dann trinkst und denkst, das ist halt ein Weißwein, schmeckt nach Wein. Ich habe einmal ein Weinseminar mitgemacht vor vielen Jahren. Und dann hat mir da einer gesagt, der Wein, den du da trinkst, ist übrigens total teuer, da kostet die Flasche 100 €? Und ich war: 100 €?! Und dann hat er angefangen, ihn zu beschreiben. Toastbrot und Marmelade und so und so und erst habe ich gedacht, du spinnst, der schmeckt einfach nach Rotwein. Aber nur weil ich wusste, der ist so teuer, habe ich gesagt, okay, ich gebe jetzt mal Mühe zu schauen, ob ich da echt Toastbrot schmecken kann. Und weil der mir dieses Wort gegeben hat – Toastbrot – ich sage nicht, dass ich mir das eingebildet habe, sondern es ist wie, ich konnte durch das Wort auf einmal erkennen, dass da wirklich so Röstaromen drin sind.
Matthias Brender:
Das heißt, wie früher im Deutschunterricht, wenn ein Buch erklärt wurde, was da alles dahinter steckt noch.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, und auf einmal eröffnet es einen das. Oder wenn man sich nie mit klassischer Musik auseinandergesetzt hat, dann geht man in die Oper, dann liest man vorher, im dritten Satz kommt dann das und das, und dann hört man es auf einmal. Und so ähnlich ist es bei Gott auch. Wir leben ja meistens völlig unbewusst.
Matthias Brender:
Also Anbetung ist quasi Gott besser kennenlernen.
Dr. Johannes Hartl:
Absolut. Und zwar indem ich ausspreche, wie er ist. Wir haben die schönen alten Kirchenlieder. Großer Gott, wir loben dich. Herr, wir rühmen deine Stärke. Es sind Aussagen über das, wie Gott ist. Dass er groß ist, dass er stark ist. Und Leute haben Gänsehaut, wenn sie “Großer Gott, wir loben dich” hören. Das ist auch der Grund, warum es Lobpreis und Anbetungsmusik gibt. Aber wenn man all das nicht hat und nicht in der Kirche ist oder irgendwie Gitarre spielt, kann man es einüben, indem man selber sagt, wie Gott ist. Und Matthias, da passiert was Interessantes, weil damit geht unser Fokus weg von diesen kleinen Göttern auf unserem Herzenthron. Von der Arbeit und von mir selber, wie wichtig ich bin und es ist ganz wichtig, dass mich alle toll finden. In Echt ist es gar nicht so wichtig, sondern ich lenke meinen Fokus auf Gott. Und das hat was total Befreiendes. Gott ist nicht so ein Knecht, der irgendwie mich beherrscht. Ganz im Gegenteil. Ich werde eigentlich frei, wenn ich weiß, mein Leben dreht sich um was Höheres und nicht nur um ein Kleinklein.
Matthias Brender:
Okay, wir haben ja begonnen mit den drei Gebetsformen im freien Gebet und waren jetzt sehr lange bei der Anbetung, weil sie die Gebetsform ist, die uns letztendlich, kann man sagen, am intensivsten näher zu Gott bringt und uns mehr in unser eigentliches Sein bringt.
Dr. Johannes Hartl:
Ich glaube, alle drei sind wichtig, aber die ersten zwei sind sehr bekannt. Jeder weiß, dass du bitten und danken kannst. Und das dritte scheint mir so wichtig, weil wir leben in einer Zeit, in der der Mensch immer im Mittelpunkt steht und ganz oft in Kirche und Christentum geht es halt dann nur, was Menschen tun sollen. Son Regel Dingsbums. Und ich glaube, das hat was total Befreiendes zu sagen, wir wenden uns eben Gott zu und es ist ein bisschen wie verloren gegangen.
Matthias Brender:
Und das finde ich auch spannend hier bei eurem Gebetshausbetrieb. Das Meiste, was ihr macht, ist Anbetung.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, richtig. Aber ich glaube, das war früher in den Kirchen ja auch so, also wenn du schaust, wie die Kirchen gebaut haben. Das haben die nicht gemacht einfach nur, dass es nicht reinregnet und dass die Leute sich wohlfühlen, sondern zur Ehre Gottes. Und ich glaube, es entspricht der Würde des Menschen, dass er für was Größeres sich hingeben möchte. Und das kommt in der Anbetung zum Ausdruck.
Matthias Brender:
Ganz herzlichen Dank. Dann lass uns noch mal zusammenfassen für euch, liebe Zuschauer. Also Anbetung bedeutet: Erstens die Entscheidung wirklich Gott zu lieben.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, richtig.
Matthias Brender:
Und dann Zweitens, ihm die höchste Priorität einzuräumen.
Dr. Johannes Hartl:
Auf jeden Fall Zeit dafür zu nehmen.
Matthias Brender:
Zeit zu nehmen. Und dann, indem wir am Anfang vielleicht auch eher so als Wortspiel aussprechen, wie er ist, oder singen oder wie auch immer, kommen wir mehr rein zu kapieren und auch zu erkennen, wer Gott eigentlich ist.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, genau. Und das Leben bekommt eine andere Ausrichtung. Wie früher waren die Kirchen geostet, also Richtung Osten und unser Leben bekommt auch so eine Ostung oder so eine Ausrichtung.
Matthias Brender:
Und das zu erleben, das wünschen wir euch.
Folge 4: Beten wie die Profis
Im Hier und Jetzt sein ist gar nicht so einfach. Wie man zurückkommt und wie das kontemplative Gebet funktioniert, erklärt Dr. Johannes Hartl.
Beten wie die Profis – Transkript
Beten wie die Profis – Transkript
Matthias Brender:
Willst du wissen, wie es geht, Gott zu begegnen? Ich bin ganz gespannt. Denn neben mir steht ein Profi für Gottesbegegnung. Dr. Johannes Hartl, Leiter des Gebetshaus, Philosoph, Theologe und Profi für Gottesbegegnung. Es gibt eine Variante aus dem Mönchstum.
Dr. Johannes Hartl:
Das sind die eigentlichen Profis. Ich bin auch nur ein Schüler, aber ich habe in einem Kloster so einen Gebetsform gelernt, auf die du jetzt gerade rauswillst.
Matthias Brender:
Dann zeig sie uns.
Dr. Johannes Hartl:
Also grundsätzlich, wir sind ja als Menschen total oft nur in unserem Kopf, irgendwo im Denken. Und ich glaube, Gott ist immer schon da, der ist im Hier und Jetzt.
Matthias Brender:
Das heißt, Gottesbegegnung ist eigentlich ganz einfach, weil Gott da ist.
Dr. Johannes Hartl:
Genau. Nur wir sind halt oft nicht da, weil wir sind halt irgendwo. Deswegen die Methode, die ich dir jetzt beibringe, ist eine, die hat gar nicht viel mit Denken zu tun, gar nicht viel mit Reden, sondern eigentlich nur mit Nichtstun, mit Zurückkommen.
Matthias Brender:
Das heißt, wenn ich nichts tue, dann begegne ich Gott.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, eigentlich schon. Aber Nichtstun ist gar nicht so einfach, wie du gleich merken wirst.
Matthias Brender:
Okay. Zeig es mir.
Dr. Johannes Hartl:
Also man nennt es kontemplatives Gebet. Und ich habe dafür hier so ein Knieschemel mir geholt. Eigentlich ist es egal. Du kannst auch auf einem Stuhl sitzen, aber der Knieschemel macht es einem sehr leicht, aufrecht zu sitzen, nicht einzuschlafen dabei und trotzdem sehr ruhig zu sitzen.
Matthias Brender:
Und das machst du hier auch für dich selber.
Dr. Johannes Hartl:
Genau. Wir haben es auch im Gebetsraum drüben, da gibt es die auch, aber hier habe ich noch mehr Stille. Deswegen mache ich das jeden Morgen hier.
Matthias Brender:
Danke, dass wir mitmachen dürfen. Dann leite uns einmal an. Was machen Leute, die keinen Knieschemel zu Hause haben?
Dr. Johannes Hartl:
Die setzen sich einfach auf ihren Stuhl aufrecht hin. Das geht auch.
Matthias Brender:
Und jetzt? Wie geht es richtig? Früher habe ich da mich mal draufgesessen, aber es geht auch mit draufsitzen. Das heißt, ich stelle den Knieschemel hier so auf die Füße drauf.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, also links und rechts dann eben genau und dann setzt du dich hin.
Matthias Brender:
Ah so, und wenn man jetzt gut trainiert ist, kann man das auch aushalten. Aber die anderen müssen sich ein bissel dehnen.
Dr. Johannes Hartl:
Also erst mal, man lehnt halt nicht. Du kannst dabei nicht einschlafen, kannst ja mal versuchen, es ist ganz schwer einzuschlafen. Und man ist aufrecht und es ist eigentlich nicht anstrengend.
Matthias Brender:
Ja, besser mit Schemel als ohne.
Dr. Johannes Hartl:
Ohne quetscht es dir das Blut ab. So kann man schon eine Stunde ohne Probleme machen. Also machen wir es nicht gleich eine Stunde. Und dann mache ich einfach mal so Hände vor mir auf den Boden und mal kurz checken, ob man gerade sitzt. Weil oft merkt man das gar nicht. Du kannst dir auch so vorstellen, wenn du hier hinten aufgehängt wärst wie so ein Pinocchio, dann bist du gerade.
Matthias Brender:
Und ihr liebe Zuschauer könnt dann am Spiegel checken oder wie macht man das zu gucken, wenn man keinen hat, der einen hochzieht.
Dr. Johannes Hartl:
Man kann so hin und her baumeln und schauen, wo dein Schwerpunkt ist. Wenn man zu weit vorne ist, dann ist es belastend und zu weit hinten auch.
Also es geht einfach nur darum, dass der Körper zur Ruhe kommt, dass wir auch innerlich zur Ruhe kommen
Matthias Brender:
Das spannt unten schon mit der Zeit ein bisschen an den Füßen.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, anfangs.
Matthias Brender:
Aber das ist vielleicht die Anfängergeschichte.
Dr. Johannes Hartl:
Das ist die Anfängergeschichte. Du musst auch nicht gleich mit einer Stunde anfangen. Okay, und dann einfach mal die Augen schließen. Und was wir jetzt machen, ist, wir nehmen uns einfach einen Moment Zeit. Nur so sozusagen in unserem Körper anzukommen. Weil also praktisch, dass ich präsent sein kann für die Begegnung mit Gott, muss ich erst mal bei mir sein. Wenn ich irgendwo bin, außerhalb von mir; das ist total abgefahren. Oft nehmen wir auch körperliche Beschwerden monatelang nicht wahr, weil wir gar nicht im Bewusstsein, also gar nicht in der Körperwahrnehmung sind. Das ist noch nicht so super fromm. Manche denken, das ist vielleicht eher irgendwie so meditationsmäßig, aber es hilft erst mal nur anzukommen.
Matthias Brender:
Okay, und wenn man dann hier so in der Ruhe sitzt, merkt man plötzlich, was alles weh tut, was man verdrängt hat.
Dr. Johannes Hartl:
Ja. In erster Linie merkt man, dass es das Natürlichste ist, an irgendwas anderes zu denken. Zum Beispiel das, was gestern war, das, was morgen ist. Und im Hier und Jetzt zu sein, ist gar nicht so einfach.
Matthias Brender:
Was mache ich, wenn meine Gedanken dauernd weggehen?
Dr. Johannes Hartl:
Dann kommst du einfach zurück in die Wahrnehmung.
Matthias Brender:
Also Wahrnehmung heißt zu spüren, dass ich hier sitze.
Dr. Johannes Hartl:
Genau. Also wir können das auch mal ein paar Minuten so machen. Du kannst mal Schritt für Schritt deinen Körper so durchgehen. Ich mache jetzt mal die Augen zu. Du kannst zum Beispiel einfach nur mal deine Füße wahrnehmen. Also du musst sie dir nicht vorstellen, sondern nur so hinhorchen, ob du von denen sozusagen gerade Informationen bekommst. Wahrnehmung ist nicht denken, sondern ist empfinden. Oder wie die Knie sich anfühlen. Und wenn ich jetzt nebenher denke, gestern, es war ein stressiges Meeting, das ich hatte, dann komme ich wieder zurück. Ach ja, Wahrnehmung, Knie. Weil das Denken fliegt oft weg ins Gestern, ins Morgen oder nach Australien.
Matthias Brender:
Ständig.
Dr. Johannes Hartl:
Aber die Wahrnehmung bringt dich wieder zurück ins Hier und Jetzt.
Matthias Brender:
Darf ich fragen? Du machst das ja schon lange. Gelingt es dir jetzt im Hier und Jetzt zu bleiben? Also kriegt man das weg, dass die Gedanken wegspringen?
Dr. Johannes Hartl:
Nein, aber ich komme schneller zurück.
Matthias Brender:
Okay.
Dr. Johannes Hartl:
Und es ist eine Haltung, die sich durchs Leben mehr und mehr zieht. Also das Ziel ist ja, dass wir eigentlich immer so in der Gegenwart Gottes leben, sozusagen. Und dann kannst du die Aufmerksamkeit mal weiterwandern lassen, zum Beispiel kannst du mal schauen, ob du das Gewicht von deinen beiden Händen auf den Oberschenkeln wahrnimmst, wie die so daliegen.
Oder wie du so dasitzt; dein Körpergewicht. Das ist übrigens alles eine super Methode, wenn man echt mal gestresst ist und innerlich nicht zur Ruhe kommt. Einfach so eine kurze Körperwahrnehmungsübung kann helfen und wir verwenden sie jetzt einfach nur sozusagen als Vorstufe des Gebetes.
Matthias Brender:
Spannend. Ich hoffe, ihr Zuschauer macht gerade alle mit und erlebt das gerade auch, was Johannes uns erzählt.
Dr. Johannes Hartl:
Es ist ja ganz unspektakulär. Es ist einfach nur diese schöne Tatsache, dass es dich gibt. So, du kannst mal deine Wirbelsäule, deinen Rücken hoch. Den Rücken merken wir oft nur, wenn er weh tut. Und danach mal die linke Hand und den linken Arm. Wir machen manchmal so stille Exerzitien. Da macht man das dann richtig lang. So eine ganze Stunde lang. Das ist jetzt wirklich nur so eine ganz kurze Einführung. Einfach mal wahrnehmen, wie deine Hand, die einzelnen Finger, Handfläche, dann der Unterarm und der Oberarm, wie die sich anfühlen.
Und wenn man irgendwo nichts fühlt, macht es auch nichts. Es geht nicht darum, da was zu erreichen, sondern es geht darum, dieses Hinhorchen einzuüben.
Und dann mal oben so die Schulter und den Nackenbereich. Da merke ich zum Beispiel, dass ich grad bissel verspannt bin. Wenn man so was merkt, dass irgendwas wehtut oder was verspannt ist, dann das jetzt auch nicht durchdenken. Naja, ich sollte mehr Sport machen oder so, ich nehme es einfach wahr, dass da ein bisschen was verspannt ist.
Dann die rechte Seite, rechte Hand, rechter Arm.
Ich lass auch so meine Aufmerksamkeit wieder wandern, bis in die Schulter, bis in den Kopf. Da gibt es auch ganz viel zu entdecken. Von Kopfhaut und Augen und über Mund. Kann man einfach mal so hinspüren. Was nehme ich denn da überhaupt gerade wahr vom Kopf?
So ein ganz geheimnisvoller Bereich ist ja die Atmung. In der Bibel wird erzählt, dass Gott selber seinem Lebensodem in Adam einhaucht und dann wird er ein lebendiges Wesen. Also mit dem Atem hat es allerhand auf sich. Du kannst einfach mal nachspüren, wie die Luft in die Nase einfließt.
Matthias Brender:
Das ist krass. Ich war gerade überall im Körper und jetzt, wo du sagst. Ja, stimmt, ich atme ja. Jetzt nehme ich es wahr.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, du hast schon einige Millionen Male in deinem Leben geatmet. Aber oft auf ganz vieles im Leben achten wir gar nicht so. Du kannst einfach mal so dem Verlauf der Luft nachspüren. Von der Nase bis zum Rachen. Durch den Hals. In die Lungen. Bis so ganz tief hinab in den Bauchraum, wo das Zwerchfell sich von oben nach unten bewegt und den Atem steuert.
Und die Mönche in der Wüste, so die ersten christlichen Mönche, die haben so versucht, immerwährend zu beten. Und das ist ja ganz schwer. Man kann ja nicht den ganzen Tag Gebete aufsagen und eine Form, die sie so entwickelt haben, die nennt man das Jesus-Gebet. Und das basiert darauf, dass man einfach nur den Namen von Jesus sagt. Zumindest in einer einfachen Form. Und du kannst einfach mal, wenn du ausatmest, so in dich hinein den Namen Jesus sagen, so wie verliebte Menschen das ja oft tun. Die müssen gar nicht große Worte sagen, sondern sie schauen sich in die Augen und sagen den Namen des Geliebten. Das ist eine ganz einfache Form zu beten, einfach den Namen Jesus zu sagen, nicht bei jedem Atemzug erst mal, sondern einfach nur manchmal.
Und die orthodoxe Kirche, in der Ostkirche hauptsächlich, ist dann der Versuch, das man nach und nach bei jedem Atemzug so betet. Das ist dann schon eher die hohe Kunst. In dieser Haltung, wo man einfach da ist, auch so körperlich gegenwärtig, kann man natürlich auch anders beten. Du kannst auch einfach sagen, ich bin da und Gott, danke, dass du auch da bist.
Matthias Brender:
Ich bin da und danke Gott, dass du auch da bist.
Dr. Johannes Hartl:
Manchmal nimmt man die Gegenwart Gottes auch wahr. Nicht so, wie wir körperliche Dinge wahrnehmen. Aber wir haben ja auch Sinnesorgane, die die zwischenmenschliche Beziehungen zum Beispiel wahrnehmen können, so das Feinstoffliche sozusagen und ich glaube, wenn man still wird und im Hier und Jetzt ankommt, kann man auch lernen, die Gegenwart Gottes mit seinem Frieden wahrzunehmen.
Und in dieser Haltung kann man natürlich so lange verweilen, wie man möchte. Ich denke jetzt für die eine kleine Übung, könnte man zum Beispiel abschließen auch mit dem Vaterunser. Das ist ein Gebet, das unglaublich viel Tiefe hat. Oft rattert man das eher nur so runter. Aber wenn man diese Worte einzeln durchdenkt, eröffnen sie einen Riesenhorizont.
So könnte man so eine Zeit abschließen.
Oder wenn man dann zurückgeht in den Alltag. Man kann so innerlich Gott noch die Sorgen hinlegen oder wenn es irgendwas gibt. Heute ist zum Beispiel noch was, steht was an oder ich möchte Wegweisung und irgendwas, dann könnte man das zum Schluss noch bringen. Ich finde es immer gut, nicht damit gleich zu starten. Sonst ist die Gefahr groß, dass man ins Denken kommt und immer erst mit diesem Schritt des Ankommens im Hier und Jetzt. Aber zum Schluss könnte man sowas noch Gott bringen und dann abschließen.
Ich kann es einfach mal mit einem freien Gebet abschließen. Herr, Danke, dass wir Sein dürfen. Danke für diese Freude zu sein und danke, dass du gegenwärtig bist im Hier und Jetzt. Liebend und tragend, das Leben bereichernd. Und ich bringe dir jetzt alles, was heute noch ist, lege mein Leben und das Leben meiner Lieben vertrauensvoll in deine Hand und bete um deine Begleitung und deinen Segen in all dem, was heute noch ansteht. Amen.
Matthias Brender:
Amen.
Dr. Johannes Hartl:
So, das war jetzt ein bisschen beten wie die Profis.
Matthias Brender:
Beten wie die Profis heißt, jetzt noch mal zusammengefasst: Ich bleib hier sitzen, werde ruhig, nehme den Körper wahr und dann ist es das schon. Weil Gott da ist und ich durch die Körperwahrnehmung auch ins Hier und Jetzt komme. Es heißt, ich muss danach nichts mehr Komisches tun, sondern am Ende bin ich still und ruhig und ich bin da und Gott ist da. Und das war es schon.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, also in der Essenz ist es schon so. In der Profi-Variante, wie die orthodoxen Mönche beten, kommt eben das Jesus-Gebet noch dazu, wo explizit der Name Jesu angerufen wird. Für mich ist auch noch wichtig, ich bete jetzt hier als Christ, als jemand, der diesen Jesus bewusst in das Herz aufgenommen hat. Ich glaube, es ist schon noch mal was anderes wie praktisch einfach nur Meditation. Ich glaube, das es das personale Gegenüber wirklich gibt. Es ist nicht nur so ein Universum anrufen.
Matthias Brender:
Den ersten großen Teil Körperwahrnehmung wird wahrscheinlich auch jemand, der nicht an Jesus glaubt, ähnlich so machen. Aber wir glauben, dass das, was man in der Stille begegnet, Jesus ist, weil es nur Jesus gibt, oder?
Dr. Johannes Hartl:
Ja, aber ich würde jedem Menschen, auch jemand, der nicht glaubt, würde ich trotzdem empfehlen, das ruhig zu machen. Das schadet überhaupt niemanden, erst mal zu Ruhe und bei sich selber anzukommen. Das ist ein sehr, sehr guter erster Schritt schon. Und ich glaube, für uns ist es besonders wichtig, weil auch in der westlichen Christenheit Gebet oft so was verkopftes ist oder so was tunlastiges. Ich muss da irgendwelche Sachen sagen. Und ich finde es sowas Schönes eigentlich zurückzukommen in diese Ruhe und das Sein.
Matthias Brender:
Also Gebet ist dann einfach nichts zu tun, sondern nur dasitzen vor Gott und mit den Gedanken, immer wieder zurückzukommen.
Dr. Johannes Hartl:
Schau, Liebe hat ja immer mit Präsenz zu tun. Und beten lernen ist eigentlich nur lieben lernen. Nur dass mein Gegenüber halt nicht ein Mensch ist, sondern der unsichtbare Gott. Aber wenn ich in dem Gespräch nicht präsent bin oder wenn ich nur laber, wie wir es oft tun.
Matthias Brender:
Oft auch im Gebet, oder?
Dr. Johannes Hartl:
Ja und auch jetzt in menschlichen Beziehungen, dann entsteht keine Liebe. Liebe ist eigentlich die Bereitschaft, mich dem anderen zu öffnen, ganz da zu sein. Gott ist immer gegenwärtig und wir sind nicht immer gegenwärtig und deswegen das kontemplative Gebet ist das Zurückkommen und dieses, ich bin ganz Ohr für deine Gegenwart Gott.
Matthias Brender:
Danke. Wenn jetzt jemand das vertiefen will, was kann er tun? Oder welches Buch kannst du empfehlen? Oder ist das schon wieder zu viel tun?
Dr. Johannes Hartl:
Es gibt ein Buch von Franz Jalic. Das war ein Pater, der das ganz stark in den Westen gebracht hat und das heißt kontemplative Exerzitien. Das ist so ein dickes Buch, da schreibt er da drüber. Es gibt auch Videos von mir auf meinem Youtube-Kanal, aber das Buch ist noch besser.
Matthias Brender:
Herzlichen Dank, Johannes, wie du uns mit reingenommen hast. Und liebe Zuschauerinnen, liebe Zuschauer, ich habe den dicken Jalic auch gelesen. Es lohnt sich. Aber er ist dick. Aber das führt vielleicht auch schon ein bisschen in die Kontemplation. Und natürlich schaut euch einfach das Video hier noch mal an und macht es mit. Und ja, seid in der Gegenwart Gottes.
Folge 5: Mit Gott spazierengehen
Wenn durch die Schöpfung der Schöpfer spricht, wird ein Spaziergang zum Gebet. Erfahre von Dr. Johannes Hartl, wie Du durch Gebetspaziergänge die Natur als Ort der Begegnung mit Gott nutzen kannst, um ihm näherzukommen.
Mit Gott spazierengehen – Transkript
Mit Gott spazierengehen – Transkript
Matthias Brender:
Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn neben mir steht Dr. Johannes Hartl. Du bist Meister des Gebets, Gebetslehrer für viele und auch ich habe schon viel von dir gelernt. Und ich weiß, du machst viele Gebetsspaziergänge. Warum ist es eine Form für dich, wo du sagst, ich will laufen beim Beten?
Dr. Johannes Hartl:
Also mir hilft in erster Linie der Kontakt mit der Natur. Wir sind ja als Menschen ganz oft verkopft oder so im Tun. Also du hetzt von einem zum anderen.
Matthias Brender:
Aber ein bisschen ist es ja beim Laufen auch so.
Dr. Johannes Hartl:
Aber deswegen gehe ich nicht schnell. Ich gehe ganz ruhig. Der Punkt ist, die Natur, die ist nicht gestresst. Der Baum definiert sich nicht durch das, was er denkt oder tut, sondern der ist einfach. Und deswegen ist für mich die Zeit in der Natur eine Zeit, in der ich auch einfach nur sein darf. Deswegen ganz wichtig: Es ist eben nicht eine sportliche Zeit, sondern ich gehe eigentlich so staunend, wahrnehmend durch die Natur.
Matthias Brender:
Okay, spannend. Ich habe das gehört und mache seitdem auch Gebetsspaziergänge. Und ich merke, das hilft mir beim Konzentrieren. Ich werde, wenn ich gleichmäßig laufe, nicht so schnell abgelenkt. Und jetzt stehen wir hier und ich bin ganz gespannt. Vielleicht kannst du uns einfach ein bisschen mit reinnehmen. Wenn du jetzt hier einen Gebetsspaziergang machen würdest, wie gehst du vor?
Dr. Johannes Hartl:
Also natürlich, wenn ich die Wahl habe, gehe ich noch weiter ganz in die Natur Natur raus. Aber das ist eigentlich ganz gut hier. Weil oft, wenn man in der Stadt oder so lebt, kann man ja nicht total in die Wildnis und hat dann nur einen Park. Und allein das finde ich schon viel besser, als den ganzen Tag nur im Zimmer zu sitzen.
So, und ich würde jetzt, wenn ich losgehe, ein bisschen so wie wenn ich in der Stube drinnen bete, erst mal Zeit nehmen zum Ankommen, so nehme ich mir hier in der Natur auch erst mal Zeit runterzukommen.
Matthias Brender:
Okay.
Dr. Johannes Hartl:
Also das muss noch gar nicht groß Gebet sein oder so was, sondern einfach okay, ich atme erst. Okay. Und ich nehme so ein Tempo – also manchmal laufen wir schon so gestresst – ich nehme so ein Tempo ein, das gerade irgendwie angenehm ist. Und ich gehe dann so in der Wahrnehmung die unterschiedlichen Sinneskanäle durch. Da gibt es ja nicht nur die Augen. Die Augen haben wir ja schnell vor Augen.
Matthias Brender:
Ja, wir sehen gerade allerhand hier.
Dr. Johannes Hartl:
Genau.
Matthias Brender:
Also ich rieche.
Dr. Johannes Hartl:
Zum Beispiel. In der Natur riecht man ja fast immer irgendwas. So halt bisschen nach Wald oder halt das Gefühl, es ist jetzt warm oder kalt oder es scheint ein bisschen die Sonne ins Gesicht, das spürt man ja auch. Oder ob Wind geht oder nicht oder so. Auch das Gehen hat ja eine Körperempfindung.
Matthias Brender:
Also bewusst am Anfang das Tempo rauszunehmen und erst mal wahrzunehmen, bevor man anfängt “Lieber Gott ….”.
Dr. Johannes Hartl:
Ich finde schon. Überhaupt Entschleunigung ist ja ein Riesenthema, aber wir haben insgesamt eine Lebensgeschwindigkeit, die es uns schwer macht, uns selber wahrzunehmen und Gott wahrzunehmen. Und deswegen, wenn die ersten zehn Minuten von so einem Gebetspaziergang nichts anderes sind als runterkommen wahrnehmen, dann sind das schon sehr, sehr gute zehn Minuten.
Matthias Brender:
Okay.
Dr. Johannes Hartl:
Und dann kann ich so weitermachen. Meine Körperempfindungen, wie fühlt sich das an zu gehen? Wie ist der Boden, federt der wie so ein Waldboden oder ist der eher hart? Jetzt gehen wir gerade eine leichte Steigung.
Wie fühlt mein Körper sich grad so an? Bin ich bissel verspannt vom langen Sitzen oder habe ich Bauchweh? Oder irgendwie, ich merke, ich bin ein bisschen müde, aber es ist nicht so schlimm. So, und dann gehe ich einen Schritt weiter und werde wirklich aufmerksam für das, was um mich her ist.
Matthias Brender:
Okay, also hier, jetzt die Büsche.
Dr. Johannes Hartl:
Ich fange noch mal woanders an, ich schaue erst mal nach oben. Also ich merke, das ist ja auch metaphorisch, so Gebet verbinden wir oft mit dem Blick nach oben. Aber ich merke, es passiert allein was, wenn man mal so eine Minute nach oben schaut.
Weil es ist einfach ein grenzenloser Raum. Heute haben wir natürlich auch tolles Wetter, auch bei nicht so gutem Wetter. Aber allein so eine Minute nach oben schauen, finde ich, hat schon was Wohltuendes.
Matthias Brender:
Ja, ist gut. Das habe ich bis jetzt noch nicht gemacht. Am Anfang erst mal nach oben schauen.
Dr. Johannes Hartl:
Das kannst du sogar machen, wenn du irgendwie drinnen bist, auch in der Stadt oder so was. Oder wenn man ein Auto fährt, vielleicht wenn man nicht selber fahren muss. Einfach mal nach oben schauen. Es hat was, was einen buchstäblich bisschen rausholt aus dieser Horizontalen. Ja, und dann gehen wir ein paar Schritte weiter und dann schaue ich mal, was es so gibt in Gottes schöner Welt.
Was mir immer auffällt ist, wie viel ich normalerweise übersehe. Es gibt ja versteckt unglaublich viel Schönheit, wo man jetzt vorbeilaufen würde hier. Eigentlich total das schöne Rot diese Beeren. Ich weiß nicht, wie viele Menschen heute diese Beeren schon bestaunt haben. Wahrscheinlich nicht so viele.
Ich finde, es gibt einfach unglaublich viel Schönes zu entdecken und das hat für mich dann schon so eine innere Nähe zum Gebet. Weil also Gott hat ja, finde ich, in seiner Schöpfung uns wie so einen Liebesbrief von sich geschenkt. Da muss man jetzt gar nicht tief beten, oh danke, lieber Gott, für die schönen roten Beeren. Einfach mal anfangen zu staunen, sich zu freuen an dem.
Und ich merke es, mir hilft das allein dieser innere Blick des Staunens wie so ein kleines Kind. Oh schau mal, was es da alles gibt. Allein das hat echt schon was Spirituelles.
Matthias Brender:
Und ich meine jetzt die Natur zu bestaunen ist spirituell, aber jetzt noch nicht christlich.
Dr. Johannes Hartl:
Also erst mal ist es eine Vorstufe. Christlich wird es dann durch die Anerkennung, dass Gott das gemacht hat und das sich von dem Wesen Gottes darin was mitteilt. Aber sehen lernen ist auch schon wichtig. Also es ist eine Vorstufe.
Matthias Brender:
Das was wir ja auch schon in anderen Gesprächen hatten, wahrzunehmen, dass Gott da ist durch all diese Dinge und weil er jetzt gerade bei uns ist.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, was mir auffällt ist, wir sind verkopft und wir meinen dann auch oft zum Beispiel, das wird dann erst fromm, in dem ich dann dazu denke: Und das hat ja Gott gemacht.
Matthias Brender:
Okay. Ja, das merke ich bei mir manchmal.
Dr. Johannes Hartl:
Und der Gedanke passt schon, aber er ersetzt nicht das tiefere Sehen. Das tiefere Sehen startet bei der Wahrnehmung und das deutsche Wort ist total stark, das heißt, da ist was Wahres und das fällt aber nicht ins Nichts, sondern ich nehme es. Also was mir Gott geschenkt hat in der Schöpfung, davon habe ich nichts, wenn ich es nicht nehme. Und das Wahrnehmen, empfängt das, was mir da geschenkt wird. Und deswegen würde ich schon sagen, dass das schon eine geistliche Dimension hat, auch wenn ich noch nicht explizit dazu jetzt bete.
Matthias Brender:
Jetzt spüren wir wieder die heiße Sonne.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, genau, das ist auch so ein Moment. Ich stelle mir Gebet so vor, dass ich mich stelle unter den liebenden Blick Gottes, so wie ich mich anscheinen lasse. Und du musst nichts tun. Du musst die Sonne nicht herbeidenken. Du musst noch nicht mal an die Sonne glauben, die ist einfach da. Du musst eher zulassen, dass sie dich anscheint. Gott existiert nicht dadurch, dass ich ihn herbeiglaube. Genauso wie die Sonne. Also zu sagen, ich glaube nicht an Gott, das ist wie die Augen zumachen und sagen, es gibt keine Sonne. Also es ist eher das Anerkennen, die Sonne ist da und ich lasse mich von ihr anscheinen. So ist Gebet für mich.
Matthias Brender:
Also wir haben uns erst selber wahrgenommen und dann haben wir das Kleine um uns herum wahrgenommen.
Dr. Johannes Hartl:
Ja, genau. Und dann ist natürlich schon die Einladung aus der Schöpfung zum Schöpfer zu kommen. Also so ähnlich wie ich gehe eine Kunstausstellung und am Ende steht der Künstler selber oder am Ende vom Konzert ist die Band noch backstage und dann kann ich Hallo sagen.
So ähnlich erzählt natürlich die ganze Schöpfung vom Schöpfer. Und so ist für mich eigentlich ein natürlicher Fluss aus der Natur dann meine Aufmerksamkeit auf Gott zu richten.
Da muss man ein bisschen in Bildern sprechen. Es gibt ja Dinge, die wir nicht mit unseren körperlichen Sinnen wahrnehmen. Zum Beispiel wenn ich gerade Hoffnung habe. Die kann ich nicht sehen, ich kann sie nicht riechen. Aber ob du Hoffnung hast oder nicht, macht einen Unterschied der Welt.
Oder ob es Freiheit gibt. Es gibt viele Dinge, die wir nicht wahrnehmen können. Liebe auch nicht unbedingt.
Und ich glaube, Gott ist in seiner Gegenwart so, dass wir innere Sinne brauchen, um ihn wahrzunehmen. Aber auf die kann man seinen Radioempfänger einstellen. Also Radioempfänger kennt heute wahrscheinlich keiner mehr, aber früher konntest du praktisch auf eine bestimmte Frequenz deinen Empfänger einstellen. Und wenn dann jemand gesendet hat, hast du das empfangen. Und ich glaube, so was haben wir Menschen auch solche spirituellen Antennen.
Matthias Brender:
Und was ist dann der nächste Schritt, den du im Gebetsspaziergang machst?
Dr. Johannes Hartl:
Das ist dann, dass ich tatsächlich anfange mit Gott zu sprechen und ihm einfach das erzähle, was mir gerade am Herzen ist. Da habe ich dann keine besondere Agenda, sondern das, was gerade da ist. Das sind bei mir dann oft anstehende Pläne, Projekte. Und ich muss gestehen, gerade wenn ich Spaziergänge gehe, mischt sich das auch manchmal so mit dem Denken.
Also ich denke jetzt nach, okay, am Montag habe ich so ein Meeting und ich muss da was vorbereiten und dann bete ich: Lieber Gott, hilf mir, dass ich da gute Gedanken habe. Und oft kommen mir dann auch gute Gedanken. Und deswegen sind diese Gebetsspaziergänge für mich auch wirklich oft kreative Zeiten, wo mir Sachen einfallen. Und dann bete ich wieder, dann fällt mir was ein und manchmal auch nicht.
Manchmal gehe ich einfach nur mit Gott spazieren und das passt auch.
Matthias Brender:
Und wie findest du dann den Abschluss?
Dr. Johannes Hartl:
Der Abschluss ist meistens einfach, dass mir eine zeitliche Grenze gesteckt ist. Dass ich nach Hause muss oder zurück in die Arbeit und dann kehre ich einfach um und gehe zurück. Und ich merke, wenn ich das so zwei-,dreimal die Woche tue, tut mir das richtig gut. Es macht einen Unterschied in meinem Leben.
Matthias Brender:
Ich hab von vielen gelesen, die beim Pilgern oder beim Gebetsspazieren das Jesus-Gebet gebetet haben. Und ich merke, dass ist gar nicht so leicht, weil es gibt ja unterschiedliche Worte. Aber dieses “Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner” und am Anfang las ich, dass eine beim Einatmen Ausatmen und dann merkte ich, ich komme da gar nicht hin mit Einatmen und Ausatmen.
Darf ich fragen, wie du dir das aufteilst oder wie das dann im Gehen funktioniert? Am Ende bin ich relativ schnell gelaufen und dann hatte ich da irgendwie so einen Rhythmus. Also es war gar nicht so leicht.
Dr. Johannes Hartl:
Das ist ein sprachliches Problem, weil erfunden wurde das ja im Altgriechischen. Da kann man zum Beispiel sagen “Kýrie Iesoú Christé, eléison me” Herr Jesus Christus, erbarme dich. Und ich war paar mal am Berg Athos, wo das entstanden ist. Und da sind wir auch stundenlang jeden Tag gewandert und haben das dabei gebetet und “Kýrie Iesoú Christé, eléison me”. Das lässt sich richtig gut beim Wandern beten. Das geht in Deutsch nicht so. Da wird es ein bisschen holprig.
Matthias Brender:
Verstehe. Das heißt, ich habe es bisher in der falschen Sprache gemacht.
Dr. Johannes Hartl:
Ich glaube, dass es eigentlich wichtiger ist, dass es deine Herzenssprache ist. Und was für mich beim Jesus-Gebet noch besser funktioniert, ist die Kurzfassung, wo man einfach nur “Jesus Christus” sagt.
Matthias Brender:
Also Jesus Christ. Zeig du mal, wie du es machst.
Dr. Johannes Hartl:
Also ich habe es so gelernt, beim Einatmen Christus und beim Ausatmen Jesus zu sagen. Und für mich wäre es natürlich, dass es immer so mit zwei Schritten verbunden ist, dass Christus Jesus. Beim langsamen Schritttempo.
Matthias Brender:
Christus, Jesus.
Dr. Johannes Hartl:
Aber was natürlich auch geht. Wenn du zum Beispiel einen Psalmvers hast oder einen Bibelvers oder ein anderes Gebet, das dir sehr viel bedeutet, kannst du das meditativ beim Pilgern oder beim Wandern auch verwenden.
Matthias Brender:
Ja, ich bin froh, dass ich jetzt erst mal für das Jesus-Gebet dann einen Rhythmus gefunden habe. Da gibt es dieses alte Lied, ich glaube “Aus Gnadenthal kommt und tanzt und jubelt laut vor Freuden”. Und da gibt es diese Bridge oder diesen Refrain. “Niemals wird das Feiern zu Ende sein.” Da merkte ich dann “Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme dich.” Und so habe ich dann endlich meinen Rhythmus gefunden. Aber es hat zwei Stunden gebraucht.
Dr. Johannes Hartl:
Mit dieser freudigen Melodie, um dieses “Erbarme dich” bisschen das Deprimierte zu nehmen.
Matthias Brender:
Vielleicht das daher. Ja, danke. Manche, die aus einer anderen kirchlichen Tradition kommen, sagen vielleicht, dieses ständige Jesus Christus sagen, ist das nicht irgendwie so ein bisschen esoterisch? Oder das ist ja gar kein richtiges Beten.
Dr. Johannes Hartl:
Ich finde, es ist schon richtiges Beten. Also wer sich an Wiederholungen stört, der soll mal die Psalmen lesen, dann kommt “denn seine Gnade währt ewiglich” auch mal 80 mal in Folge. Und für mich ist das ständige Wiederholen einfach das, was der Psalm eins sagt, wo es heißt: Glücklich der Mann, der über sein Wort nachsinnt bei Tag und Nacht. Und was da steht, das Nachsinnen, das ist wie ein inneres Verdauen, ein inneres Schwanger gehen damit. Das glaube ich, hilft uns einfach, dass es Fleisch und Blut annimmt.
Matthias Brender:
Danke für die Chance, mit dir mal gemeinsam so ein bisschen Gebetsspaziergang zu machen. Liebe Zuschauer, ich hoffe, das hat euch auch herausgefordert. Johannes, hast du vielleicht zum Schluss noch einen Tipp oder eine Motivation für die Leute? Warum lohnt sich Gebetsspaziergänge zu machen?
Dr. Johannes Hartl:
Ich würde unbedingt sagen, es reicht nicht, nur eine Fernsehsendung zu sehen, sondern anfangen damit. Bau das zweimal die Woche in deinen Alltag ein und mache das ein paar Wochen. Es bringt wirklich einen Unterschied.
Matthias Brender:
Also probiert es aus.
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