Nach dem Schutz des Lebens folgt der Schutz ehelicher Beziehungen. Das sechste Gebot löst heute oft Abwehrreflexe aus. Für Nicht-Christen klingt es schnell nach verstaubter Moralpolizei und Prüderie, für Christen nach verurteilendem Zeigefinger.
Du sollst nicht ehebrechen.
Hinweis: Dieser Artikel verwendet die lutherisch-katholische Zählweise. Warum sich die Nummerierung je nach Konfession unterscheidet, erfährst du in im Beitrag Übersicht zu den 10 Geboten.
Der Kern: Was bedeutet das sechste Gebot
Wenn zwei Menschen einander Treue versprechen, entsteht eine besondere Verbindung. Sie sagen damit: „Ich entscheide mich für dich.“
Doch wer liebt, macht sich verletzlich. Darum braucht Liebe Verlässlichkeit. Ehebruch verletzt nicht nur den Partner oder die Partnerin, sondern zerstört Vertrauen. Und Vertrauen wieder aufzubauen, ist oft schwer.
Treue bedeutet nicht, dass Beziehungen immer leicht sind. Treue bedeutet, dass Menschen nicht leichtfertig miteinander umgehen.
Der andere Mensch ist kein Gegenstand, den ich benutzen kann, solange es mir gefällt. Eine Beziehung ist kein Besitz. Und Liebe ist nicht einfach nur ein Gefühl, das kommt und geht, ohne dass unsere Entscheidungen Konsequenzen haben.
Das Gebot sagt nüchtern: Spiel nicht mit dem Herzen eines Menschen, der dir vertraut.
Die Stolperfalle: Was, wenn die Ehe toxisch ist
Was ist, wenn eine Ehe längst zerbrochen, eiskalt oder von Gewalt geprägt ist? Muss man dann um jeden Preis zusammenbleiben, nur um das Gebot nicht zu brechen? Nein. Treue bedeutet nicht, Missbrauch, Erniedrigung oder ständige Angst hinzunehmen. Wo die körperliche oder seelische Sicherheit bedroht ist, müssen Schutz und professionelle Hilfe an erster Stelle stehen.
Wann eine Scheidung gerechtfertigt ist und ob danach eine neue Ehe möglich sein kann, beurteilen christliche Kirchen unterschiedlich. Einig sind sie sich darin: Das Scheitern einer Ehe ist nicht das Ende von Gottes Gnade. Die Stolperfalle liegt deshalb nicht im notwendigen Selbstschutz, sondern darin, eine grundsätzlich gesunde Beziehung vorschnell aufzugeben, sobald die erste Verliebtheit nachlässt und Liebe Arbeit verlangt.
Was Jesus dazu sagt
In der Bergpredigt nimmt Jesus Bezug auf das sechste Gebot:
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Du sollst nicht ehebrechen.‘ Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“
Jesus macht damit deutlich, dass es nicht allein um die äußere Tat geht, sondern auch um die Absicht des Herzens.
Dieser Satz wird manchmal missverstanden. Jesus sagt nicht, dass jeder Mensch, der einen anderen attraktiv findet, bereits schuldig geworden ist. Anziehung ist ein Teil des Menschseins. Gefühle lassen sich nicht einfach auf Knopfdruck ausschalten. Jesus spricht vielmehr über eine Haltung, in der ein anderer Mensch bewusst zum Objekt des eigenen Begehrens gemacht wird.
Gleichzeitig begegnete er Menschen, die beim Ehebruch erwischt wurden, nie mit Steinen, sondern mit Barmherzigkeit. Als die religiösen Führer eine Ehebrecherin steinigen wollten, sagte Jesus nur: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (Johannes 8,7). Als alle weggingen, sagte er zu der Frau: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Johannes 8,11).
Jesus reduziert eine Person nicht auf ihre Sünde. Er benennt die Wahrheit, zeigt aber zugleich große Gnade gegenüber denen, die gestolpert sind.
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