Das vierte Gebot: Vater und Mutter ehren

Das vierte Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren

Mit dem vierten Gebot wechselt der Blick: von der Beziehung zu Gott hin zur Beziehung zu den Menschen, die uns am nächsten stehen. Gleichzeitig birgt es auch Sprengstoff, wenn familiäre Verletzungen im Spiel sind. 

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

2. Mose 20,12 

Hinweis: Dieser Artikel verwendet die lutherisch-katholische Zählweise. Warum sich die Nummerierung je nach Konfession unterscheidet, erfährst du im Beitrag Übersicht zu den 10 Geboten.

Der Kern: Was bedeutet das vierte Gebot

Dieses Gebot ist das erste, das mit einer direkten Zusage, einem Versprechen, verknüpft ist. Doch was bedeutet „ehren“ überhaupt? Im Hebräischen steht dort das Wort kabbed, was so viel bedeutet wie: „Nimm sie wichtig“ oder „Gib ihnen Gewicht“. 

Es geht hier nicht um blinden, kindlichen Gehorsam. Es fordert uns auf, Respekt vor der Generation zu haben, die vor uns da war, die uns das Leben geschenkt und uns großgezogen hat.

„Ehren“ heißt nicht, Unrecht gutzuheißen. Es bedeutet, die eigene Herkunft nicht leichtfertig zu verachten und die besondere Bedeutung der Eltern anzuerkennen.

In einer Gesellschaft, die Jugendlichkeit idealisiert und das Alter oft abschiebt, ist dieses Gebot ein dringender Aufruf zur Generationensolidarität und zur Fürsorge für alternde Eltern.

Das vierte Gebot im Alltag: Was bedeutet „Ehren“ konkret? 

Im normalen, manchmal anstrengenden Familienalltag bedeutet das Gebot: Brücken bauen statt Mauern. Für ein Kind kann es bedeuten, auf die Eltern zu hören, ihnen mit Respekt zu begegnen und ihre Verantwortung anzuerkennen. Auch wenn du bereits dem Elternhaus entwachsen bist, ruf deine Eltern mal an, sei für sie da, wenn sie dich brauchen. Versuche, deine Eltern als fehlbare Menschen zu sehen, die auch Lasten mit sich herum tragen. Du musst nicht alles gutheißen, was sie tun, aber du kannst ihnen mit Reife und Wohlwollen begegnen.

Die Stolperfalle: Was, wenn die eigenen Eltern einen verletzt haben?

Was ist, wenn meine Eltern mich misshandelt, tief verletzt oder seelisch zerstört haben? Muss ich sie dann trotzdem „ehren“? Hier schnappt die größte moralische Falle zu, wenn man das Gebot falsch versteht. Nein, dieses Gebot ist kein Freibrief für toxische Eltern und kein Befehl zur Selbstaufgabe. Jemanden zu „ehren“ bedeutet in diesem extremen Härtefall keineswegs, Missbrauch kleinzureden, Kontaktabbrüche rückgängig zu machen oder sich psychisch weiter kaputtmachen zu lassen.

Manchmal bedeutet „Ehre“ in so einer Situation, eine klare, gesunde Grenze zu ziehen. Du darfst auf Distanz gehen, um dich selbst zu schützen. Du kannst ihre Würde als Menschen achten, ohne das erlittene Unrecht zu leugnen oder ihnen wieder Zugang zu deinem Leben zu gewähren.

Was helfen kann

Wo diese Geschichte schwer wiegt, hilft selten der Versuch, schnell zu vergeben oder alles zu „regeln“. Es hilft eher, sich psychotherapeutische oder seelsorgliche Begleitung zu suchen. Jemanden, der dabei hilft, die Achtung vor den Eltern und den eigenen Selbstschutz nicht als Gegensätze zu betrachten, sondern beidem den richtigen Platz zu geben. 

Und es hilft, sich daran zu erinnern: Dein Wert hängt nicht daran, wie deine Eltern mit dir umgegangen sind. Er kommt von woanders her. Von dem, der dich gewollt hat, lange bevor deine Eltern es taten.

Was Jesus dazu sagt

Jesus hat die Bedeutung der Familie nicht geringgeschätzt. Gleichzeitig hat er deutlich gemacht, dass die Beziehung zu Gott nicht einfach durch familiäre Bindungen ersetzt werden kann.

Er kritisierte religiöse Traditionen, wenn Menschen sich hinter frommen Regeln versteckten und dadurch ihre Verantwortung gegenüber den Eltern vernachlässigten.

Und er sprach zu ihnen: Trefflich hebt ihr Gottes Gebot auf, damit ihr eure Überlieferung aufrichtet! Denn Mose hat gesagt: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren«, und: »Wer Vater oder Mutter schmäht, der soll des Todes sterben.« Ihr aber lehrt: Wenn einer zu Vater oder Mutter sagt: Korban, das heißt: Opfergabe, soll sein, was dir von mir zusteht, so lasst ihr ihn nichts mehr tun für seinen Vater oder seine Mutter und hebt so Gottes Wort auf durch eure Überlieferung, die ihr weitergegeben habt; und dergleichen tut ihr viel.

(Markus 7,9-13) 

Jesus zeigt damit: Der Umgang mit Eltern ist Gott nicht gleichgültig. Aber Jesus macht auch deutlich, dass keine menschliche Beziehung absolut ist. Kein Mensch – auch kein Elternteil – steht über Gott.

Sie zu ehren bedeutet also weder blinden Gehorsam noch die Pflicht, Unrecht hinzunehmen. 


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